whizzler


   

„Hey, Whizzler, wo bleibst du denn, du alter Faulpelz? Es wird gleich dunkel. Beeil dich gefälligst!“

Die hochaufgerichtet auf dem schwarzen glänzenden Hengst sitzende  Gestalt, welche dem höchst ehrwürdigen und erhabenen Zauberer Merlinius gehörte, hatte sich ungeduldig umgedreht und einen vernichtenden Blick auf Whizzler, seinen Gehilfen, geworfen. Hätten sie beide aufrecht nebeneinander gestanden, wären sie ungefähr gleich groß gewesen, allerdings trug der spitze und hohe Zauberhut, den Whizzler morgens und abends bürsten und polieren durfte, sowie das edle Streißross, auf dem der Zauberer saß, nichts dazu bei, diese Tatsache besonders hervorzuheben, besonders, da Whizzlers, der einen großen Ledersack mit der persönlichen Habe des Zauberers auf seinem Rücken trug,  mit seiner Nase fast den Straßenstaub berührte. Nur seine besonders wertvollen Zaubertränke und speziellen Zauberstäbe trug Merlinius an einem kleinen Sack neben sich auf dem Sattel, alles andere wäre eine zu große Belastung für sein edles Roß gewesen. Dennoch durfte Whizzler die Zauberstäbe mehrmals täglich einwachsen und die Flaschen abstauben, schließlich legte Merlinius besonderen Wert auf seinen Ruf als höchst ehrwürdiger und berühmter Wandermagiermagier. Heute war ihm eine besondere Ehre zuteil geworden: Er war an den Hof  des edlen Sir Ravenicus gerufen worden, bei dem er diesen Abend einer seiner speziellen Darbietungen anläßlich der 19. Geburtstages seiner reizenden Tochter Prinzessin Dulcinea präsentieren sollte. Das Gasthaus „Zum goldenen Eber“, in dem sie auf das Erscheinen der Wache Sir Ravenicus warten sollten, der sie zu seinem Auftraggeber bringen würde, war nur noch wenige Meter entfernt, und Whizzler merkte, wie ihm vor Anstrengung der Schweiß den Rücken herunterlief. Zu allem Überfluß flog ihm die ganze Zeit ein aufdringliches Glühwürmchen um seinen Kopf herum.

„Ja, Meister, ich komme schon, Meister“, ächzte er.

Verfluchter Tyrann, eines Tages werde ich es dir schon zeigen. Ich werde es euch allen zeigen, dass ich mehr bin als ein mickriger Lastenträger.

Nachdem sie den Gasthof schließlich erreicht hatten, und Whizzler gerade dabei war, die Kleidungsstücke des Zauberers ordentlich gefaltet in den Schrank zu legen, während Merlinius auf dem Bett saß und mit der einen Hand einen Bronzespiegel festhielt, während er mit der anderen seinen Bart in kunstvolle Locken legte, klopfte es an der Tür. Als Whizzler auf einen ungeduldigen Wink von Merlinius öffnete, stand bereits der Wirt vor der Tür und teilte ihm mit, daß die Wache von Ravenicus bereits eingetroffen sei. Mit einem gemurmelten „schon gut, wir kommen gleich,“ schloß Whizzler die Tür wieder und drehte sich um.

„Meister, es ist soweit, wir...“, er stockte mitten im Satz, als sein Blick auf den Zauberer fiel.

„Alles in Ordnung, Meister?“ Merlinius saß seltsam starr auf dem Bett, den Spiegel noch immer in der Hand vor sich ausgestreckt. Es sah so aus, als wenn er zu Stein erstarrt wäre. Als Whizzler ihn berührte, schien es tatsächlich der Fall zu sein, denn sein Meister gab weder ein Wort von sich, noch bewegte er sich. Whizzler lief der kalte Schweiß den Rücken herunter. Was sollte er jetzt tun? Draußen wartete die Wache darauf, daß der Magier mit ihm kommen würde, um das Festtagsprogramm in seinem gewohnten festlichen Rahmen ablaufen zu lassen. Er hatte bereits von den drakonischen Strafen Ravenicus gehört, wenn ihm irgendetwas bei seinen Festen nicht passte. „Verfluchter Käfer!“ brummte er und schlug wütend nach dem Glühwürmchen, das ihm sogar bis hierher ins Zimmer gefolgt war.

„Jetzt ist doch deine Chance gekommen, zeig es ihnen!“

„Wie? Was?“ Es dauerte einige Augenblicke, bis Whizzler merkte, dass das Glühwürmchen mit ihm gesprochen hatte.

„Zieh den Mantel da an, du hast ungefähr die gleiche Größe wie Merlinius. Aus dem Teppichfransen da kannst du dir einen Bart machen. Du nimmst das Zauberbuch mit, ich schlüpfe in den Lederbeutel und lese dir die Zaubersprüche vor. Dann kann nichts mehr schiefgehen. Sei froh, dass ich im Dunkeln lesen kann.“

Whizzler überlegte einen Augenblick. Vielleicht wäre jetzt wirklich seine Chance gekommen. Er hatte keine Ahnung, was mit seinem Meister geschehen war, aber sobald er erst Ravenicus beeindruckt hatte, würde er selbst Ruhm und Ansehen ernten, das war gewiß. Es war ihm auch vollkommen schleierhaft, wie er plötzlich mit einem Glühwürmchen sprechen konnte, aber was machte das schon. „In Ordnung! Einverstanden!“ Voller Begeisterung machte er sich daran, seine „Zauberausrüstung“ zusammenzustellen. Als er sich schließlich im Spiegel betrachtete, mußte er mit Befriedigung feststellen, daß er tatsächlich eine stattliche Figur abgab.

Er hatte seinen Meister ja schließlich schon oft bei der Ausübung seiner Tätigkeit zugesehen, und wußte, daß vieles der Zaubertricks, die er vollführte, eigentlich recht einfach und trotzdem wirkungsvoll waren, aber dennoch die Massen in höchstem Maße beeidruckten. Showbusiness eben. Merlinius wußte die Zaubersprüche natürlich auswendig, aber wenn das Glühwürmchen ihm sie zuflüstern würde... Das würde schon gehen. Dennoch zitterten ihm die Knie ein wenig, als er sich schließlich mit der Wache zum Hof des höchst ehrwürdigen und edlen Sir Ravenicus aufmachte.

„Ganz schön warm hier drin“, brummte das Glühwürmchen, woraufhin Whizzler die Öffnung in dem Sack etwas vergrößerte. Das fehlte ja grade noch, wenn das Glühwürmchen ersticken würde.

Die Burghalle war bereits festlich geschmückt und die ersten in prunkvolle Festgewänder gehüllte Gäste waren eingetroffen. Whizzler versuchte sich etwas zu orientieren und ließ seinen Blick über die Gäste schweifen. Plötzlich stockte ihm der Atem. Ob das Dulcinea war? Diese wunderschöne, schlanke Gestalt mit dem honigfarbenen Haar, der zarten Pfirsichhaut und den kirschroten Lippen? Ob sie ihn bemerkt hatte?

Wenn nicht, würde er dafür gleich sorgen. Er konnte jedoch nicht leugnen, dass ihm das Herz bis zum Hals klopfte, als der Haushofmeister schließlich mit seinem Stock auf die Erde klopfte und den „höchst ehrenwerten und edlen Merlinius, den berühmten Wandermagier zur Unterhaltung der Gäste des edlen Sir Ravenicus“ ankündigte. Wenn jetzt nur nichts schief ginge...

„Ich bin hochgeehrt, vor so einem erlauchten Publikum eine kleine Kostprobe meiner bescheidenen Künste vorführen zu dürfen“, sagte Whizzller mit zuerst zitternder und dann immer festerer Stimme, während er versuchte sich an das zu erinnern, was sein Meister bei derartigen Anlässen zu tun pflegte.

„Los, lies den ersten Zauberspruch vor in dem Kapitel „Unterhaltung bei Feierlichkeiten“, flüsterte Whizzler dem Glühwürmchen zu, während er einige Äpfel und Birnen kreisförmig vor sich hinlegte.

„Yngwid wyrddhin phyrrgyd“ kam es zurück.

„Oh,  bei den Göttern, ich dachte nicht, dass die Wörter so kompliziert auszusprechen seien“, murmelte Whizzler. Er wußte, daß eine falsche Betonung eines Wortes unter Umständen verheerende Auswirkungen haben könnte. Doch obwohl er das Wort „phyrrgyd“ offensichtlich etwas falsch ausgesprochen hatte, mit dem Ergebnis, daß die Äpfel und Birnen nicht im Walzertakt sondern in einem viel moderneren Rhythmus durch die Luft tanzten, erntete er dennoch angemessenen Beifall. Die Angelegenheit fing an ihm richtig Spaß zu machen, und er fing an, einige Worte mit Absicht falsch auszusprechen, die das Glühwürmchen ihm zuflüsterte, so daß er den Gästen schließlich ein ganz neues und faszinierenderes Programm bot als es sein Meister je getan hatte. Die Bälle, die er in die Luft warf, verwandelten sich nicht wie sonst in Hasen, die er mit seinem Zauberhut wieder einfing, sondern regneten in einem Schauer aus roten Rosen direkt in den Schoß der wunderschönen Dulcinea, die ihm ein reizendes Lächeln zuwarf. Das Pulver, das er in die Luft blies, formte sich nicht wie bei seinem Meister zu langweiligen Kreisen und Sternen, sondern bildete ein riesiges Herz, das direkt über dem Kopf der Prinzessin anfing zu leuchten und zu blinken. Er zauberte aus den Ärmeln seiner Zuschauer keine Kupfermünzen sondern zog zartschmelzendes Konfekt aus dem tiefausgeschnittenen Dekolleté des jungen Mädchens, das ihm immer fröhlichere und begeistertere Blicke zuwarf. Schließlich schwenkte er einmal seine Ärmel und es kam ein Schwarm schneeweißer Tauben herausgeflattert, die in anmutigen Kreisen um das Geburtstagskind flogen und einen Regen aus Goldstaub auf sie herniederrieseln ließen. Mit strahlenden Augen erhob sie sich und sprach zu ihm: „Oh, so eine wundervolle Vorführung hat es bisher noch nie bei meinem Geburtstag gegeben. Oh, lieber Vater, ich bitte dich, mache doch Merlinius zu unserem Hofmagier.“ Sie lächelte ihn mit so einem verführerischen Lächeln an, während sich ihr enges Gewand um ihren wohlgeformten Körper schmiegte, das es Whizzler ganz warm ums Herz wurde und sich seine Männlichkeit unter seinem weiten Zauberumhang deutlich zu regen begann.

„Ja, ich habe es geschafft! Meine Träume sind wahr geworden! Ich habe der Welt gezeigt, was wirklich in mir steckt“, dachte Whizzler, auch wenn es das Glühwürmchen war, das ihm die Zaubersprüche vorgeflüstert hatte, auch wenn er sie manchmal anders betont hatte. Ravenicus wollte gerade etwas darauf erwidern, und Whizzler hatte den Eindruck, dass es durchaus eine zustimmende Antwort sein würde, als sich plötzlich eine Gestalt am Rande des Saales erhob. Mit seinen dunklen Augenbrauen und der Hakennase zwischen den schrägliegenden dämonisch aussehenden Augen war er eine düstere Erscheinung.

„Schön und gut, eure Vorstellung ist wirklich beeindruckend, aber ich habe schon bessere gesehen, ganz zu schweigen davon, welche Zaubereien ich selber zu vollbringen vermag.“ Ein Raunen ging durch die Menge über diese ungeheuerliche Einmischung in das Festtagsprogramm.

Ravenicus runzelte zuerst die Stirn, doch dann fing er offensichtlich an, Vergnügen an der Angelegenheit zu bekommen.

„Nun, dann sagt mir doch zuerst einmal, wer ihr seid und was ihr zu bieten habt.“

„Mein Name tut erst einmal nichts zur Sache, aber könnt ihr vielleicht auch das?“

Er zeichnete mit seinen langen knochigen Fingern einige geheimnisvolle Zeichen in die Luft, so dass sich zuerst eine dunkle Wolke bildete, aus der schließlich eine große von Feuerzungen umflammte Gestalt heraustrat.

„Könnt ihr mit den Geistern sprechen und ihnen befehlen?“

Jetzt war es Whizzler doch etwas mulmig geworden und er flüsterte besorgt zu dem Glühwürmchen in dem Lederbeutel: „Los hilf mir! Sieh unter „Geisterbeschwörung“ nach!“

Doch es kam nur ein schwaches Seufzen und Piepsen aus dem Beutel.

„Hiiiier ist es viiel zu heiß, ich ersticke...“

„Oh! Jetzt nur nicht schlapp machen!“ flüsterte Whizzler aufgeregt zurück und öffnete besorgt den Lederbeutel einen Spalt. Doch ihm blieb fast das Herz stehen, als er sah, daß das Glühwürmchen offensichtlich wirklich kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen. Dennoch war es ihm gelungen, die Seite mit der „Geisterbeschwörung“ zu öffnen und es flüsterte Whizzler einen Spruch zu, bevor es endgültig in Ohnmacht fiel. Whizzler war sich überhaupt nicht sicher, ihn richtig verstanden zu haben, dennoch sprach er ihn mit soviel Würde aus wie er vermochte. Tatsächlich bildete sich eine kleine rotgoldene Wolke, die immer großer wurde, bis sie sich schließlich zu einer Schlange formte, die um den Feuerdämon herumtanzte. Die beiden fingen an sich zu umkreisen. Zuerst sah es aus, als wenn die Schlange unterliegen würde, weil sie in den Pranken des Dämons hin und hergeschleudert wurde, doch dann wurde sie immer kleiner bis schließlich ein Wasserstrahl aus ihrem Maul drang, der die Flammen des Dämons löschte, bis dieser schließlich nur noch ein kleiner nackter Kobold war, der schnellstmöglichst das Weite suchte. Die Menge raste und klatschte wie wild und Dulcinea warf Whizzler eine begeisterte Kußhand zu. „Ja, jetzt habe ich es sogar diesem mächtigen Magier gezeigt! Ich habe meine Schicksalsketten durchbrochen! Endlich habe ich meine Los selbst in die Hand genommen!“ Whizzlers Gesicht überzog ein seliges Lächeln, als er seine Hand ausstreckte und auf Dulcinea zuging, die ihm bereits ihre eigene Hand zum Kuß entgegengestreckt hatte.

„Ha! Du meinst, das wäre alles? Du weißt wohl nicht wer ich bin?“ Der fremde Magier hatte sich jetzt zu seiner vollen Größe aufgerichtet und richtete seinen langen Zauberstab direkt auf Whizzler.

„Ich bin ein mächtiger Magier der 35. Stufe und du bist ein Niemand! Deine Astralenergie ist auf ein Nichts zusammengeschrumpft, während ich meine Punkte für bessere Zwecke aufgespart habe!“

Bei diesen Worten schoss eine mächtige Feuerlanze aus dem Zauberstab direkt auf Whizzler zu.

 

Robert legte seine kaltgewordene Pizza wieder zurück auf den Teller und klappte seinen Mund wieder zu. „Jetzt verrate mir mal, wie du das gemacht hast, Michael. Bisher ist Whizzler bei diesem Spiel immer nur als Lastenträger aufgetreten. Er hatte überhaupt keine Identität. Sobald ich mit der Maustaste auf ihn geklickt habe, hat sich nur das Inventar geöffnet mit den Gegenständen, die Merlinius besitzt. Wieso hat er jetzt plötzlich diesen Zauberwettstreit am Hof von Ravenicus fast gewonnen?“

Michael grinste: „Tja, offensichtlich hast du noch nicht alle Möglichkeiten ausprobiert. Aber vielleicht war es ja auch nur ein Programmfehler, als sich Merlinius plötzlich nicht mehr bewegen ließ wie sonst immer. Doch offensichtlich gibt es noch andere Möglichkeiten um weiterzukommen. Aber mir macht es immer wieder Spaß, den Zauberern das Handwerk zu legen. Es geht doch nichts über eine gutentwickelte Spielfigur, die mächtiger ist als alle anderen.“ Teuflisch grinsend bewegte er mit seiner Maustaste auf seinem Bildschirm den fremden Magier über die Asche von Whizzler direkt auf den Tisch der Prinzessin Dulcinea zu.

„Dieser Dame würde ich im real life auch gerne einmal gegenüberstehen, nur schade, daß das nicht möglich ist,“ lachte Michael und biß herzhaft in seine Pizza.