Leseprobe aus "Der Schatz der Drachensänger" von Antje Grüger

In ihren Träumen wanderte Silvermoon zurück in die Zeit, als die Drachensänger noch zahlreich waren. Sie erinnerte sich jetzt viel deutlicher an alles, was damals geschah. Sie sah wieder den heiligen Berg vor ihren Augen, auf dem sich vor vielen Jahren alle Drachensänger zu ihren wunderschönen Festen trafen. Damals waren die Drachensänger die Hüter der Elemente gewesen, es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ihr Gleichgewicht  nicht zerstört wurde. Sie lebten in inniger Verbindung zu den Drachen, die über die Elemente, über Feuer, Erde, Wasser und Wind herrschten. Bei ihren Festen wurde gezaubert, geliebt, Drachenmagie gewoben, gesungen und getanzt und jeder hatte das Gefühl, dass diese Harmonie niemals gestört werden konnte.  

In ihrem Traum erlebte Silvermoon das letzte Ceilt Drachon, das jemals stattgefunden hatte. Es war das Fest, das am Anfang des Jahres gefeiert wurde, und an welchem die Drachensänger alle Drachen riefen. Sie riefen die Drachen des Feuers, der Erde, des Wassers und des Windes und baten sie, ihre Kräfte zu vereinen und diese in magischer Harmonie durch das kommende Jahr zu weben.  

Sie sah sie wieder vor sich, ihre Freunde, Tydrak, Zanthra, Ximona, Farduk und alle anderen, wie sie damals übermütig und ausgelassen zu dem Berg gelaufen waren, das feuchte Gras unter ihren nackten Füßen, der kühle Wind auf ihrer Haut. Jeder von ihnen trug ein Gewand, welches das Element symbolisierte, mit dem er oder sie verbunden waren.

Tydrak war ganz in grün gekleidet, Federn und Blätter bedeckten fast seinen ganzen Körper, nur Arme und Beine waren mit dunklem Ocker in einem spiralförmigen Muster bemalt. Seine Augen waren dunkel und wunderschön. Es war abzusehen, dass viele der Drachensängerinnen in diesem Jahr das Lager mit ihm teilen wollten. Tydrak wusste es, aber er hatte in diesem Augenblick nur Augen für die junge Frau, die an seiner Seite ging. Er lächelte Ximona an, die ganz in ein rotes, fast durchsichtiges Gewand gekleidet war, welches nichts von ihrem wunderschönen Körper verbarg und drückte spielerisch einen Kuss auf ihre nackte Schulter.

(...)

In diesem Augenblick hörten sie die Musik der Trommeln, Flöten und der anderen Musikinstrumente der anderen Drachensänger, die bereits mit ihrem Tanz den Berg hinauf begonnen hatten. Silvermoon wurde in den Reihe der anderen mit hereingezogen, und bald war das Hämmern der Trommeln in ihrem Körper, ihre Füße tanzten wie von selber den Rhythmus, der von den Trommeln, aus der Erde, aus der Luft, von überallher kam und ein heißes Prickeln über ihre Haut sandte. Die Sonne war schon lange untergegangen, und jetzt enthüllten die Wolken die silberne Scheibe des Mondes, der voll und rund über dem Drachenberg stand. Bereits jetzt während dieses Tanzes spürten alle das Anwachsen der Energie und der Erregung, die knisternd, fast greifbar, in der Luft lag. Die lange Reihe der Tänzer in ihren prächtigen und bunten Gewändern, die den Spiralweg des Berges herauftanzte, während das Mondlicht auf sie herabschien, sah fast selbst wie eine bunte Regenbogenschlange oder ein Drachen aus, der sich langsam den Berg heraufschlängelte. Oben auf dem Berg wurde der rituelle Drachentanz vollendet: Die lange Reihe der Tänzer tanzten in wirbelnden Spiralen und Kreisen, bis die Energie, die sich aufgebaut hatte, gesammelt und zentriert werden musste. Schließlich sammelten sich alle in dem großen Steinkreis dort oben auf dem Berg. Die Trommeln pulsierten wie der Herzschlag der Erde in ihren Körpern, als das Stampfen immer wilder und rhythmischer wurde. Silvermoon sah zu Ximona herüber, der ihr rotes Seidengewand bereits herabgerutscht war, so dass ihre beiden Brüste nackt  im Mondlicht glänzten. Eine leichte Gänsehaut überzog ihren Körper. Ihre Brustwarzen hatten sich in der kühlen Abendbrise aufgerichtet und sie erschauerte, als Tydrak leicht mit der Hand über ihre Nacken strich und die andere wie unbeabsichtigt die zarte Haut über ihrem Busen berührte. Auch Silvermoon spürte wie ein heißer Schauer ihr Rückrat heraufströmte – das Zeichen, dass die Magie der Drachen bereits sehr nahe war.

„Der Kreis ist geschlossen! Laßt uns jetzt die Drachen rufen, auf dass ihre Magie uns und jeden, der die Kraft der Elemente achtet, schützen möge!“ Silvermoons Stimme war stark und selbstbewusst, als sie diese rituellen Worte sprach. Wenn sie im Drachenkreis stand, war sie  anders als man sie sonst kannte. Ihre Freunde kannten sie eher als nachdenklich und zurückhaltend, aber jetzt war nichts davon zu spüren.

Als erstes trat die elfengleiche Zanthra vor. Mit ihrer glockenklaren Stimme sang sie das Lied der Winde, die Töne woben ein kompliziertes Muster und jeder hörte und fühlte  das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Tosen des Orkans auf den Wellen des Sees, die Wirbelstürme in der Wüste, aber auch den zarten Lufthauch, der eine einzelne Taubenfeder auf den Boden schweben lässt. Schließlich erschauerte jeder von ihnen, alle fühlten ein zartes Streicheln, als wenn Tausende von weichen Federn über ihre Haut strichen oder als wenn kühle luftige Seide jeden Zentimeter ihres Körpers berühren würde.. Zugleich aber  fühlten sie auch das wilde Brausen des Orkans, das in ihrem Blut pulsierte.

Ximona seufzte auf, ihre Hand hatte Tydraks Hand auf dem Ansatz ihres Busens umfasst, und ihre andere Hand  lag auf ihrem Busen und streichelte ihn sanft. Nur Sekundenbruchteile vergingen, bevor ein mächtiges Rauschen zu hören war. Riesige silbergraue Schwingen durchteilten den Himmel und die mächtige Gestalt des Sturmdrachens näherte sich.

Zanthra streckte ihre Hände dem Himmel entgegen und rief: „Wir danken dir, mächtiger Drache der Luft, der Winde, des Sturmes und des Orkane, welche die Weltmeere durchpeitschen, dass du diese Nacht zu uns gekommen bist um uns mit deiner Magie zu schützen.“

Als Farduk in den Kreis trat, schimmerte seine irisierende Haut so als wenn sich das Mondlicht in dem Perlmutt von Tausenden von  Muscheln widerspiegeln würde.

Er sang mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme das Lied der Drachen, die in den Tiefen des Ozeanes hausen und das Lied  des Wassers, das die Felder fruchtbar macht, das Lied des Regentropfens, der auf einem Rosenblatt glitzert, das Lied der Wasserstromes, der die Mühlräder dreht und das Lied des kühlen Sommergewitters, das in der brennenden Hitze die heiße Haut kühlt. Winzige Wassertropfen fielen zuerst auf den Drachentanzplatz nieder, die sich bald in einen erfrischenden Schauer verwandelten. Die leichten Gewänder der Drachentänzer waren bald durchnässt und die weiche, samtene Haut schimmerte durch die feuchten und durch den Regen durchsichtigen Gewänder. Ximona hatte ihr rotes Seidengewand bereits ausgezogen, das ihr wie eine zweite Haut am Körper klebte und genoss die kühlen prickelnden Regentropfen auf ihrer nackten Haut. Silvermoon streifte ihr ledernes Wams und Hose aus und tanzte, lachte und sang mit Ximona, Tydrak und Zanthra im prasselnden Regen. Es war nicht verwunderlich, dass die Schuppen des riesigen Seedrachens, der zwischen den Regenwolken auftauchte, schimmerten wie Farduks glänzende Haut.

Silvermoons Hände strichen leicht an Ximonas Hüfte entlang, und sie lächelte Tydrak zu, dessen Hände leicht über Ximonas Brustwarzen strichen.

„Nun, du Schöne – es wird etwas kühl. Ich glaube es ist an der Zeit, den Drachen des Feuers zu rufen.“

„Wenn ihr beide weitermacht,  wird es mir gewiß nicht schwer fallen, mit dem Feuer in meinem Körper ganze Wälder in Brand zu setzen. Den Feuerdrachen zu rufen, wird ein leichtes sein.“

Sie küsste Tydrak und Silvermoon zärtlich und ging mit leichten Schritten in die Mitte des Kreises.

Als sie ihre Hände dem Himmel entgegenstreckte, sah jeder von ihnen die Energiespiralen, die ihre Körper umtanzten. Bald tanzte sie selber, ihre Hüften kreisten, ihr Füße stampften auf die Erde, ihre Hände und Arme wirbelten um sie herum wie tanzende Flammen. Bald glühte der Boden unter ihren Füßen. Jeder Regentropfen, der auf den Boden fiel, verdampfte sofort in einer kleinen Rauchwolke. Niemand von ihnen empfand die Hitze jedoch als unangenehm, da sie sofort in ihren Körper hereinströmte, und sie jeden von ihnen die heilsamen Energien des Feuers spüren ließ. Ihr Lied war voller Wildheit und Ursprünglichkeit. Es war wie ein Sprechgesang, der von dem Trommeln der anderen Drachensänger untermalt wurde:

„Mächtiger Drache des Feuers! Ich rufe dich! Ich spüre deine Hitze und Kraft in meinem Körper! Du bist die Kraft, die den Samen zum Reifen bringt. Du schenkst uns die Fruchtbarkeit der Erde. Du bist die Kraft, die Vulkane zum Ausbruch bringt. Lasse auch unsere Energien aus uns herausbrechen wie einen glühenden Lavastrom! Du bist die kleinste Kerzenflamme, die das Gemach des Einsamen und Todkranken erhellt und ihm Trost schenkt, du bist das wilde Pulsieren der Sonne, die uns im Sommer wärmt und unserer Herzen mit Freude erfüllt! Du bist der Strom der Macht und Energie, die uns durchdringt, sobald wir uns  im Liebesrausch vereinen! Mächtiger Drache des Feuers, ich rufe Dich!“

Die rote Schlange, die sich am Himmel zeigte, kam direkt aus der Sonne geflogen, die sich für einen kurzen Augenblick wieder am Himmel gezeigt hatte, obwohl es nach der normalen Zeit bereits Mitternacht war. Sie flog zu den beiden anderen Drachen, und ihr Tanz am Himmel war faszinierend, erschreckend und wundervoll zugleich.

Tydrak stürzte sich in den Kreis und als er wilde Sprünge vollführte, sah er zuerst aus wie ein Waldkobold, aber bald wurde sein Tanz geschmeidig und anmutig und er wand sich auf der Erde, so als wäre er eine Schlange, dann wurden seine Bewegungen majestätisch und er verwandelte sich in einen Hirsch, dann in eine Raubkatze. Dabei stellte er jeden der Tiere so glaubhaft dar, dass alle Zuschauer überzeugt waren, die Tiere wirklich zu sehen. Aber auch das war ja die Magie der Drachensänger, die auch gleichzeitig Gestaltwandler waren.

Tydrak rief: „Mächtiger Drache der Erde! Ich rufe dich! Ich fühle wie deine Kraft unter meinen Füßen pulsiert! Sie ist in jedem Tier, das auf der Erde wandelt! Du bist die Kraft, in der alles reift und wächst! Du gebierst und schenkst neues Leben! Mächtiger Drache der Erde, ich rufe dich!“

In diesem Augenblick ging er mit wenigen Schritten auf eine der Drachensängerinnen zu, die in dem Kreis standen und deren gewölbter Bauch deutlich zeigte, dass sie schwanger war. Er legte seine Hände auf ihren Bauch und sagte: „Möge der Drache der Erde dein ungeborenes Kind segnen.“

Sie sah ihn voller Dankbarkeit an mit einem Blick, der die Freundschaft und Verbundenheit der Drachensänger untereinander verriet und sagte einfach: „Ich danke dir, Tydrak.“

Die spiralförmige Linie, die sie den Berg heraufgetanzt waren, wurde plötzlich lebendig. Der mächtige Erddrachen löste sich aus den Energielinien des Berges und stieg zum Himmel empor.

Jetzt waren alle vier Drachen vereint.

Der Augenblick, der nun folgte, war so voller Magie, das alle, die ihn miterlebten, jedes Mal aufs neue verzaubert waren. Die vier Drachen schlangen ihre Körper umeinander und vereinten sich in einem wilden Paarungstanz in der Luft. In der Umgebung des Berges fand ein Feuerwerk der Elemente statt. Feuer traf auf Wasser bis heiße Dampfwolken aufstiegen, Wind peitschte die Erde.

Es dauerte nicht lange bis die geballte Energie sich auch in den Menschen auf dem Berg entlud.

(...)

   In ihrem Traum wanderte sie weiter. Sie erinnerte sich an die schrecklichen Ereignisse in dem Jahr, die auf dieses Ceilt Drachon folgten.

Sie sah, wie sie an dem Tag, an dem das kommende Ceilt Drachon gefeiert werden sollte, einige Zeit später als sie normalerweise bei dem Fest ankam, voller Vorfreude durch den Wald lief. Die dunklen Vorahnungen, die sie gequält hatten, versuchte sie nicht zu beachten. Als sie jedoch den seltsamen Geruch wahrnahm, wurde sie aufmerksam. Der Nebel, der durch die Zweige der Bäume drang, war kein wirklicher Nebel sondern – RAUCH!

Die letzten Meter rannte sie, stoppte dann aber abrupt und legte ihre Hand an das Schwert, das sie bei sich trug. Es war mehr ein Reflex, denn hier konnte sie nichts mehr ausrichten. Als sie die schwarze Rauchsäule durch das Blätterwerk der Bäume sah, war ihr, als wenn jemand flüssiges Eisen durch ihr Blut gegossen hätte. Die Bäume, die letztes Jahr noch den Spiralweg gesäumt hatten, waren zu Asche zerfallen, mitten in dem Berg war ein riesiger Krater und es sah aus, als wenn ein riesiger Feuerball in den Berg eingeschlagen hätte. Der gesamte Boden um den Berg herum war schwarz und jegliche Vegetation war verbrannt.

Es gab keine Spur von Leben, sie konnte niemanden ihrer Freunde entdecken. Entweder waren sie geflüchtet oder .... sie wagte es nicht, den Gedanken weiter zu denken.  

Mit einem Schrei schreckte sie aus ihrem Traum auf. Ihre Hand fasste instinktiv an ihr Schwert an ihrer Seite.

Sie umklammerte ihr Schwert und rief in die Dunkelheit:

 „Bei allen Drachen dieser Erde, ich werde herausfinden was mit ihnen geschehen ist.! Und wenn ich es kann, werde ich sie rächen!“