Die Elfenflöte

 

 

An kalten Wintertagen hatte mir meine Großmutter oft vor dem prasselnden Kaminfeuer von dem "kleinen Volk" erzählt. Sie saß dabei in dem alten knorrigen Schaukelstuhl und wickelte ihr Garnknäuel auf oder ließ ihre Füße auf dem Pedal des Spinnrades tanzen. Während dann das Spinnrad schnurrte, erzählte sie mir aus den alten Tagen, als die Elfen noch zu den Menschen kamen und ihnen halfen, und als die Menschen sie sehen konnten und mit ihnen sprachen. "Heute glaubt fast niemand mehr daran, dass es noch Elfen gibt", sagte sie zu mir, „aber ich weiß, daß es sie gibt und ich weiß auch, wie du sie zu dir locken kannst. Manchmal kannst du dir sogar etwas von ihnen wünschen. Lege einfach bevor du zu Bett gehst, ein Stück Honigkuchen auf dein Fensterbrett. Es gibt nichts, was Elfen lieber mögen als Honigkuchen."

Seltsam, dass ich jetzt an die Worte meiner Großmutter denken mußte, als ich auf der schmutzigen Straße kniete, während ich mit einem Tuch die schwarzen Lederstiefel des eleganten vor mir sitzenden Mannes polierte, der ungeduldig mit seinem anderen Fuß wippte.

Die schwarzen Rauchsäulen aus den Fabrikschornsteinen vernebelten mit ihrem Dunst die Sonne. Ja, es war lange her, als meine Großmutter mir das erzählt hatte, und das einzige Mal, als ich etwas Kuchen auf das Fensterbrett gelegt hatte, hatten meine Eltern mich wegen der Verschwendung so ausgeschimpft, daß ich es seitdem nicht wieder gewagt hatte. Aber unser Leben war auch nicht einfach hier in Irland, wir hatten nie viel Geld. Mein Vater arbeitete den ganzen Tag in der großen Schlachterei von Mr. Wizzleby, und meine Mutter verkaufte Blumen auf dem Markt oder in der Stadt. Sie hatten mit meiner Großmutter geschimpft, wenn sie mir wieder eine ihrer Geschichten erzählte: „Sei still und setze dem Jungen nicht schon wieder solche Flausen in den Kopf.“ Dann war meine Großmutter still, aber sobald sie sich umgedreht hatten, lächelte sie mir hinter ihrem Rücken heimlich zu. Das war lange, lange her. Meine Eltern waren während eines Fieberepidemie gestorben, wie viele  andere hier bei uns in den

Armutsvierteln. Nur ich und mein Onkel waren wie durch ein Wunder der Seuche entkommen, und ich lebte jetzt bei ihm, aber ich mochte ihn nicht. Er war sehr streng zu mir und nahm jeden kleinsten Grund zum Anlass, mich zu schlagen.

Ich selbst versuchte, etwas Geld zu verdienen, indem ich auf der Straße Schuhe putzte, und manchmal führte ich auch ein paar Jonglierkunststücke mit drei Bällen vor, die mir noch ein paar zusätzliche Cents einbrachten. Zur Schule ging ich nur hin und wieder, wenn wir gerade genug Geld beisammen hatten, und das war nicht sehr oft. Mein wahrer Schatz jedoch war meine kleine Flöte. Ach, ich wünschte nur, ich könnte sie besser spielen! Ich hatte sie immer unter meinem Bett vor meinem Onkel versteckt, denn er mochte keine Musik. „Teufelswerk!“ sagte er nur, und zwang mich, sonntags in die Kirche zu gehen, um einen frommen anständigen Menschen aus mir zu machen. Ich nutzte jede Gelegenheit, um seiner Fuchtel zu entkommen. Und da gab es noch etwas, das ich hütete wie meinen Augapfel. Es war in einen Beutel aus Samt gewickelt – der kostbarste Stoff, den wir überhaupt besaßen – der mit geheimnisvollen goldenen Zeichen bestickt war. Meine Großmutter hatte ihn mir einst mit einem seltsamen Lächeln in die Hand gedrückt. Auch die Flöte, auf der ich bei jeder Gelegenheit heimlich übte, war ein Geschenk von ihr.

Als ich den Beutel geöffnet hatte, war mir etwas in die Hand gefallen, das auf den ersten Blick aussah, wie ein  mit kunstvoll verzierten Schnitzereien versehenes Stück Holz. Ich hatte diese seltsamen verschlungenen Muster in alten Büchern gesehen, die mir meine Großmutter einst gezeigt hatte. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich jedoch die Löcher in dem Holz und sah schließlich, dass es sich um das Unterteil einer Flöte handelte. Doch das Mundstück fehlte.

Meine Großmutter lächelte: „Wenn du auf der anderen Flöte spielen gelernt hast, wirst du auch eines Tages das fehlende Teil dieser Flöte bekommen. Wenn die Zeit reif dafür ist... Dann wirst du auf dieser Elfenflöte spielen.“

Nun, Elfen hatte ich niemals gesehen, seitdem meine Großmutter gestorben war, aber dennoch ließ ich keine freie Sekunde aus, um auf der Flöte zu üben, und meine Finger bewundernd über die andere unvollständige Flöte gleiten zu lassen. Wenn ich doch jemanden hätte, mit dem ich zusammen spielen könnte! Doch seitdem Mr. Wizzleby und diese schwarzgekleideten Priester immer mehr Einfluss hier in unserer Stadt gewonnen hatten, war es bei Strafe verboten, überhaupt ein Musikinstrument zu spielen. Es wurde als Teufelswerk und Verführung zum Müßiggang angesehen.

Geistesabwesend nahm ich die paar Kupferstücke an, die mir der Mann zusteckte, nachdem er den Glanz seiner Stiefel nochmals genau untersucht hatte, und steckte sie in meine Tasche. In dem Augenblick geschahen zwei bedeutsame Dinge: Erstens wurde mir bewußt, warum ich gerade jetzt an den Honigkuchen gedacht hatte. Ein verlockender süßer Duft war mir die ganze Zeit um die Nase geweht. Als ich aufsah, bemerkte ich in einiger Entfernung einen Mann, der in seinem Bauchladen tatsächlich süßes Gebäck und Honigkuchen verkaufte. Dann stieg mir jedoch noch ein anderer Geruch in die Nase, der nicht weniger süß war und nach Veilchen duftete. Tatsächlich hatte sich gerade ein zierlicher schwarzer Lackschuh auf den Schuhkarton gestellt, den ich vor mir stehen hatte. Als ich aufblickte, stockte mir der Atem: Ich sah in das hochmütigste und schönste Gesicht, das ich jemals gesehen hatte, umrahmt von dunkelblonden Korkenzieherlocken, in die rosa Bänder geflochten waren.

„Was starrst du mich so an? Los mach die an die Arbeit!“ sagte sie mir mit einer Stimme, die für mich die reinste Musik war, während sie ungeduldig mit den Fingern auf der Kiste trommelte, auf der sie Platz genommen hatte.

„Was machst du denn da? Los beeil dich!“ In einiger Entfernung stand ein Mann, der ebenso ungeduldig versuchte sie zum Weitergehen zu bewegen.

„Ich bin in eine Pfütze getreten. Ich kann unmöglich mit diesen dreckigen Schuhen zu dem Empfang gehen, wie sähe das denn aus! Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es hier überhaupt sauber ist....“ Sie wedelte mit einem Taschentuch einmal über den Karton, auf dem sie sass.

Ich erkannte die Stimme. Das war doch Mr. Wizzleby, der geizige hartherzige Fabrikbesitzer, bei dem auch meine Eltern gearbeitet hatten. Also mußte dies... seine Tochter sein... ! Lucilla Wizzleby, ich hatte sie manchmal von weitem gesehen. Mir war es egal, wer sie war, jedenfalls war es das schönste Wesen, dem ich jemals begegnet bin. Sie war sicherlich nicht viel älter als ich selbst, vielleicht sechzehn oder siebzehn.

„Jetzt sieh dir an, was du gemacht hast! Diese Schrammen waren vorher noch nicht da!“ Sie stiess meine Bürste mit ihrer Fußspitze zurück und stand entrüstet auf. Ich war wohl etwas zu nachlässig vorgegangen, als ich sie immer wieder verstohlen aus den Augenwinkeln angestarrt hatte. Ohne ein weiteres Wort und ohne mir ein Geldstück in die Hand zu drücken, raffte sie ihre Röcke zusammen und ging mit energischen Schritten zurück zu ihrem Vater. Ich konnte mich nicht daran hindern, hinter ihr herzusehen, und zog noch ganz verträumt meine Flöte aus der Tasche. Als die ersten Töne von „The Spanish Lady“ erklangen, einem fröhlichen Lied, das ich mit einigen Verzierungen spielen konnte, drehte sie sich einen Augenblick zu mir um, und sah mich mit einem ver- und fast bewundernden Ausdruck an, dann drehte sich Mr. Wizzleby mit zorniger Miene zu mir um. Tatsächlich hatte ich in meiner Träumerei aber vielleicht auch mit einem Anflug von Trotz das Musikverbot ganz vergessen. In Windeseile schob ich die Flöte in meine Tasche und verschwand in der Menschenmenge.

Ich fühlte mit gerunzelter Stirn nach den paar Münzen in meiner Tasche. Wirklich eine magere Ausbeute. Es würde nicht genug davon übrigbleiben, wenn ich mir jetzt auch noch ein Stück Honigkuchen kaufen würde. Wie war das noch...

„Manchmal kannst du dir etwas von ihnen wünschen. Lege einfach bevor Du zu Bett gehst, einige Stücke Honigkuchen auf Dein Fensterbrett. Es gibt nichts, was Elfen lieber mögen als Honigkuchen.“ Ich nutzte einen unbemerkten Augenblick, in dem der Bauchladenverkäufer sein Gebäck neben sich auf die Erde gestellt hatte, um eine kurze Verschnaufpause einzulegen und mit jemandem zu plaudern, um mir ein paar Stücke zu stiebitzen. Unglücklicherweise drehte er sich genau in dem Augenblick um.  Doch ich war schneller, und es gelang mir, vor dem schreienden und zeternden kleinen Mann zu flüchten, und erneut in der Menschenmenge unterzutauchen. So etwas köstliches hatte ich schon lange nicht mehr gegessen. Ich musste an mich halten, um nicht auch das letzte Stück herunterzuschlingen. Nachdem ich meinem Onkel meinen Tageslohn abgeliefert hatte, verkroch ich mich in meinem Zimmer und legte das letzte Stück Honigkuchen auf das Fenstersims. Das Fenster lies ich einen Spalt auf. Meine Gedanken verweilten noch lange bei dem hübschen und hochmütigen Gesicht, und ich hatte nicht übel Lust, ihr irgendeine Lehre für ihr anmaßendes Verhalten zu erteilen, andererseits fragte ich mich auch, wie es wohl wäre, ihre weichen Lippen auf den meinen fühlen zu können. „Vollkommen utopisch...aber wer weiß“, murmelte ich vor mich hin und war bald darauf eingeschlafen.

 Die ersten Mondstrahlen drangen gerade durch mein Fenster, als ich von einem sanften "Pling" geweckt wurde - etwas war gegen meine Fensterscheibe geflogen. Zuerst dachte ich, es wäre ein großer Schmetterling - aber dann wollte ich meinen Augen nicht trauen: es war doch tatsächlich eine kleine Elfe, die in einer Hand eine Fiedel hielt und sich mit der anderen Hand ihren rechten Flügel rieb. So schnell ich konnte, öffnete ich das Fenster und setzte sie auf meine Hand.

"Oh jeh ",  jammerte die Elfe, "ich wurde durch den köstlichen Duft von feinem Honigkuchen angelockt, bin dabei gegen die Fensterscheibe geflogen und habe mir  meinen Flügel verstaucht. Es ist aber wirklich nicht einfach, in diesem dicken qualmenden Dunst noch seinen Weg zu finden, das muß wirklich mal gesagt werden, aber den Duft von Zimt und Ingwer könnte ich sogar noch durch den beißendsten Rauch riechen, und das scheint mein Verhängnis geworden zu sein. Aber...zu allem Überfluss...“, sie sah entsetzt auf das Fenstersims, „ist auch noch mein Bogen zerbrochen...“

Ich musste mich erst einmal einen Augenblick sammeln und ließ mich auf meine Strohmatte plumpsen. Also war es doch wahr! Eine echte Elfe, direkt auf meiner Hand, und außerdem sprach sie mit mir! Ich setzte sie vorsichtig auf mein zerlöchertes Kopfkissen, und wenige Augenblicke später ging es ihr schon wieder viel besser. Ihre spitzen Ohren zuckten vor Freude, als sie die letzten Krümel des Honigkuchens in ihren Mund schob. Sie hatte kurze dunkelbraune Haare und ein paar Sommersprossen, dennoch war es nicht zu übersehen, dass es sich um eine ganz reizende hübsche und weibliche Elfe handelte.

Mit vollen Backen fing sie an zu sprechen, während ich den zerbrochenen Bogen vom Fensterbrett heruntergenommen hatte und nachsah, ob noch etwas zu retten war. Während ich versuchte, ihn mit einen Faden, etwas Leim und einem Strohhalm zu reparieren, hörte ich mir die Erzählung meiner neuen Freundin aufmerksam an.

„Alschoooo.... das ischt uns die ganzen Jahre noch nicht paschiert, dass...“, ,jetzt schluckte sie voller Genuß den letzten Bissen Honigkuchen herunter, „wir den Weg zu unserer Wiese nicht gefunden haben...“

Ich sah sie erstaunt an: „Wir?“

„Ja, aber ich glaube, Flutetriller ist etwas geschickter als ich und wird direkt zu der Wiese geflogen sein, obwohl es wirklich Jahr für Jahr schwieriger wird, durch diesen Qualm unseren Weg zu finden.“

„Flutetriller? Ihr seid wohl sehr musikalisch, ihr Elfen? Er spielt... spielt er...?“ Meine aufkommende Begeisterung ließ sie nicht ganz unbeeindruckt.

„Ja, in der Tat, er spielt Flöte, und das besser, als irgendjemand sonst... und außerdem...“,

ihre Wangen erröteten zart, „bin ich recht stolz darauf, dass wir dieses Jahr gemeinsam den Metbecher leeren werden.“

„Das heißt, ihr werdet heiraten?“ fragte ich sie lächelnd.

„Ähäm, ja, so nennt ihr das unter euch Menschen wohl. Bei uns gilt es als Zeichen der Zustimmung, einen Jahr und einen Tag probeweise zusammen zu verbringen, wenn wir den Metbecher gemeinsam leeren. Auf unserem Fest am ersten Mai jeden Jahres werden viele solcher zarten Elfenbande geknüpft.“

„Flutetriller... was für ein interessanter Name...“

Meine neue Freundin wandte sich mir zu und sagte mit ihrer weichen melodiösen Stimme, die tatsächlich wie Musik klang:

„Ja, Flutetriller ist ein sehr passender Name. Ich heiße übrigens Fiddlestick... und du?“

„Oh, Verzeihung, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Aber weißt du, das passiert einem ja auch nicht jeden Tag, dass man einer echten Elfe begegnet. Ich heiße Paddy, Paddy Paddington, und ich freue mich sehr dich kennenzulernen.“

Mit diesen Worten reichte ich ihr den reparierten Fiedelbogen, den sie mit einem dankbaren und begeisterten Lächeln annahm. Sogleich begann sie, eine flotte Melodie zu spielen. Ich sah sie plötzlich erschreckt an, als mir klar wurde, dass mein Onkel ja nur ein Zimmer weiter wohnte. Ich selber verkroch mich immer in den Keller um zu üben, wenn mein Onkel nicht da war, oder manchmal fand ich auch ein stilles Plätzchen im Wald, der aber leider immer mehr den Häusern und Fabriken weichen mußte.

„Weißt du gar nicht, dass es in dieser Stadt verboten ist Musik zu machen?“

Sie sah mich mit aufgerissenen Augen an: „Verboten? Wie schrecklich! Aber ich glaube, du mußt dir keine Gedanken machen, unsere Musik kann sicherlich von denjenigen, die sie verbieten, gar nicht gehört werden, genauso wie sie uns nicht sehen können. Vor langer Zeit war das anders, da konnten uns alle Menschen sehen und hören... aber das ist schon sehr lange her...“

Ich hatte in der Zwischenzeit bereits mein Kopfkissen beiseitegeschoben und den Samtbeutel hervorgeholt. Als ich die Flöten herausholte, hörte ich, wie die kleine Elfe Fiddlestick hörbar die Luft einsog.

„Bei allen Elfen und Trollen! Woher hast du diese Flöte...?“

Mit ungläubigen Augen hüpfte sie um die reichverzierte hölzerne Flöte herum.

„Diese Flöte galt seit langem als verloren... du mußt sie unbedingt Flutetriller zeigen. Er wird dir ihre Geschichte erzählen können.“

Ich war ganz erstaunt über ihre Aufregung, aber dann erinnerte ich mich daran, dass meine Großmutter mir ja einst gesagt hatte, dass es sich um eine Elfenflöte handelte.

„Aber wie du siehst, ist sie nicht vollständig, weißt du denn wer das Mundstück besitzt?“

„Flutetriller wird dir alles über sie erzählen können, ohje, er wartet bestimmt schon auf mich...“ Die kleine Elfe unterdrückte einen Schmerzenslaut, als sie versuchte ihre Flügel zu bewegen.

„Au, das wird etwas dauern, bis ich meine Flügel wieder gebrauchen kann... jetzt gibt es nur eine Möglichkeit, du mußt mich zu der Wiese bringen...“

Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Die Vorstellung, eine geschickte flötenspielende Elfe kennenzulernen, die zudem noch etwas über die geheimnisvolle Flöte wußte, die ich von meiner Großmutter erhalten hatte, begann mich zu beflügeln, selbst wenn mir keine Elfenflügel wuchsen. Nach der Beschreibung von Fiddlestick fiel es mir nicht schwer zu erraten, wo sich die Wiese befand. Ich kannte sie sehr gut. Manchmal hatte ich mich selbst mitten auf die Wiese dort gesetzt, von dem Zauber der zirpenden Grillen und dem Rauschen des Windes durch die Bäume gefangengenommen, und meine Flötenmelodien gespielt.  

So machten wir uns schließlich beide gemeinsam auf den Weg, während sie auf meiner Schulter saß, und es sich nicht nehmen ließ, eine schwungvolle Melodie nach der anderen zu fiedeln. Mir brach der kalte Schweiß aus, allerdings stellte ich nach kurzer Zeit fest, daß wir zuerst tatsächlich von niemandem beachtet wurden. Obwohl in den Fabriken teilweise auch nachts gearbeitet wurde und manchmal einige Aufseher vor den Fabrikhallen herumspazierten, schien niemand die schwungvollen Melodien zu hören, welche die kleine Elfe auf meiner Schulter spielte. Allerdings bemerkte ich hin und wieder, wie einige der Männer oder Frauen, welche mit gebeugtem Rücken ihre Lasten durch die dunklen Straßen trugen, uns ihre Gesichter zuwandten, während ein Lächeln auf ihren Lippen erstrahlte. Doch gleich darauf wurden sie unsanft von den Aufsehern weiter vorwärts gestoßen. Zwischen ihren Liedern erzählte sie mir etwas mehr über das alljährlich stattfindende Treffen der Elfen auf der Wiese vor unserer Stadt.

„Früher hatten die Menschen und Elfen diese Feste gemeinsam mit viel Gesang, Musik und köstlichen Leckereien gefeiert. Anfang Februar feierten wir den Beginn des neuen Jahres, das Schneeschmelzen, die längerwerdenden Tage, im Mai das hervorbrechende Grün, die Knospen, die Blumen, die überall wachsen, im Juni die Sonnenwende, im August bedanken wir uns für die eingebrachten Feldfrüchte und im Dezember feiern wir die dunkelste  und längste Nacht des Jahres und freuen uns darüber, dass die Lebenssaat unter der Schneedecke verborgen liegt und bald wieder hervorbrechen wird. Für uns ist es ein großer Anlass zur Freude, dass die Natur uns jedes Jahr aufs neue mit ihren Wundern beschenkt. Doch in letzter Zeit sind die Menschen nicht mehr zu uns gekommen, um mit uns zu feiern. Auch wir Elfen sind immer weniger geworden, ich weiß nicht woran es liegt, vielleicht, weil niemand mehr den Weg durch die dicken Rauchsäulen finden kann...“ Ihre Stimme war leise und nachdenklich geworden. Aber bald stand sie schon wieder auf meiner Schulter und begann ein fröhliches Lied zu fiedeln. „Aber ich habe mir geschworen, uns nicht unterkriegen zu lassen und fröhlich zu sein und mit meinen Freunden zu feiern wie jedes Jahr...“

Plötzlich blieb ich abrupt stehen, als wir unten am Fuß des Hügels angekommen war, hinter dem sich die Wiese erstreckte. Was war denn das? Überall standen  Planierraupen, Bagger und andere Fahrzeuge herum, die nichts Gutes verhießen. Außerdem konnten wir einen Stacheldrahtzaun sehen, der die Wiese von der restlichen Umgebung abschnitt. Mit klopfendem Herzen lief ich auf die Wiese zu. Die kleine Elfe Fiddlestick hatte ebenfalls aufgehört, auf ihrer Fiedel zu spielen, und ich hörte, wie sie vor Entsetzen aufkeuchte.

„Hier entsteht eine neue Chemiefabrik der Fa. Thompson Inc.

Betreten verboten“ stand da in nüchternen einfachen Worten auf einem kleinen Holzschild.

Glücklicherweise war die Baustelle verlassen, und die Arbeiten hatten noch nicht begonnen, aber ich zweifelte nicht daran, dass es spätestens morgen soweit wäre. Wie grausam und furchtbar – die vielleicht letzte Elfenwiese dieser Welt sollte unter den schweren Rädern und Ketten dieser Planierraupen und Bagger begraben werden. Das konnten wir nicht zulassen!

Aber wo nur waren die anderen Elfen? Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich leises Geflüster zu meinen Füßen hörte. Nur Sekunden später waren wir von einer ganzen Schar kleiner geflügelter Wesen mit zahlreichen Instrumenten umgeben, und ich setzte Fiddlestick sanft herunter in das Gras, wo sie sogleich in die Arme eines anderen Elfen sank, der offensichtlich heilfroh war, dass sie den Weg hierher gefunden hatte. Nachdem sie alle eine Weile aufgeregt geflüstert hatten, wurde ich allen vorgestellt, und ich lernte ihre Freunde kennen. Sie hatten alle interessante, aber auch passende Namen, und ich mußte lächeln, als ich Drumstick, Harpstring, Violina und den anderen vorgestellt wurde.

„Jetzt zeige doch Flutetriller einmal deinen Schatz“ , sagte Fiddlestick, während sie sich zärtlich an den Elfen schmiegte, der sie in ihrem Arm hielt. Als ich vorsichtig den Samtbeutel öffnete, und die unvollständige hölzerne Flöte in das Gras legte, hüpfte eine begeisterte Elfenschar um sie herum, und Flutetriller konnte es nicht fassen:

„Das ist ja unfassbar, dass diese Flöte wieder zu uns Elfen zurückgekehrt ist. Diese Flöte wurde vor langer Zeit von einem mächtigen Elfenfürsten geschnitzt, als die Menschen noch mit den Elfen gemeinsam feierten und lachten. Sobald diese Flöte gespielt wurde, waren die Menschen- und Elfenseelen wie durch ein verzaubertes Band verbunden. Doch eines Tages wollte ein machtgieriger Menschenherrscher die Flöte rauben, um Macht über die Elfen zu erlangen. Es gelang ihm jedoch nicht vollständig, den Zauber der Elfen zu vernichten, und so gelang es ihm nur, das Mundstück zu rauben. Der andere Teil der Flöte jedoch ging irgendwann verloren, und niemand wußte bisher, wohin er gelangt war. Es ging die Sage, dass sie ein Elf einer Menschenfrau geschenkt hätte mit der Bitte, sie an ihre Kinder weiterzuvererben. Er prophezeite ihr, dass dann, wenn die Flöte wieder vollständig wäre, sich zwei Liebende begegnen würden, die füreinander bestimmt wären und die Grenze zwischen Menschen und Elfen zerfließen würde wie der Schnee im Frühling.“

„Vielleicht ist heute diese Nacht gekommen“, sagte ich leise und zog meine andere Flöte hervor. Ich spielte erst eine leise, wehmütige Melodie, die aber immer fröhlicher wurde, als die anderen Elfen mit ihren Instrumenten einfielen. Es schien ein Zauber über dieser Nacht zu liegen, selbst wenn es vielleicht das letzte Treffen der Elfen auf dieser Wiese wäre. Tausend Sterne über uns funkelten und glänzten, der Mond warf ein magisches Licht über die Wiese und ließ die kleinen Regentropfen an den Grashalmen geheimnisvoll aufschimmern. Aber was war das? Träumte ich oder näherte sich dort tatsächlich eine Gestalt, die aussah wie ein Nebelgeist und sich langsam aus der Dunkelheit löste? Doch sie war nur eine menschliche, in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt, die sich mehrere Male ängstlich umsah. Als sie mich erblickte und den Mantel zurückschlug, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Es war tatsächlich Lucilla Wizzleby! Aber da war noch jemand: Auf ihrem Arm saß ein kleiner weißhaariger Elf, der eine kleine irische Trommel in seiner Hand hielt. Sie sah ganz anders aus, ihre Haare waren nicht mehr in die vornehmen Locken gelegt, sondern fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern, und sie trug auch nicht mehr das vornehme Kleid mit dem enggeschnürten Mieder von heute nachmittag, sondern ein langes einfaches Nachthemd. Ich war zuerst sprachlos, dann ließ ich langsam die Flöte sinken und sagte verschmitzt zu ihr:

„Du schuldest mir noch mindestens drei Kupferstücke.“ Sie sah mich zuerst wieder mit ihrem hochmütigem Blick an, der sich aber langsam in ein ungläubiges Stirnrunzeln verwandelte.

„Kneif mich lieber, damit ich sicher bin, dass ich nicht träume. Heute nacht ist doch tatsächlich ein Elf auf meiner Bettdecke gelandet, der meinte, dass er sich verflogen hätte. Ich zweifele noch an meinem Verstand... Aber ich habe schon manches Mal gedacht, von dieser Wiese Musik zu hören, aber ich hatte mich nie getraut nachts hierherzukommen. Doch heute ist alles anders... heute hat er mich doch tatsächlich dazu überredet mich nachts davonzuschleichen, um ihn hierherzubringen...“

„Du... du... kannst sie sehen... und ihre Musik hören?“ Ich war fast sprachlos vor Staunen.

„Ja... ich kann sie hören... weißt du, ich liebe Musik, trotz allem, was mein Vater versucht hat, aus dieser Stadt zu machen. Als ich heute nachmittag gehört hatte, wie du Flöte gespielt hast, da hätte ich fast alles darum gegeben, dich zurückzuhalten, bevor du in der Menschenmenge verschwunden bist. Und außerdem... der kleine Elf Drummer...“, sie wies auf ihren kleinen weißhaarigenGefährten auf dem Arm, „war ganz aufgeregt, als ich ihm das hier gezeigt habe und meinte ich sollte es sofort einem von seinen Freunden namens Flutetriller zeigen...“

Mit diesen Worten nahm sie einen kleinen goldverzierten Samtbeutel aus ihrem Mantel und zog – ein reichverziertes Flötenmundstück hervor. Mein Herz klopfte zum zerspringen, als sich unsere Hände berührten, während wir es gemeinsam auf das andere Teil der Flöte setzten, die im Mondlicht geheimnisvoll glitzerte.

„Es... es... ist ein Familienerbstück... ich weiß gar nicht, wie es in unseren Besitz gelangt ist, aber es hat mich immer fasziniert, wenn ich es in der gläsernen Vitrine gesehen habe, und ich habe mir immer gewünscht eines Tages auf der Flöte spielen zu können, zu der es gehört.“

„Vielleicht wird dieser Wunsch ja jetzt Wirklichkeit“, flüsterte ich, als ich meinen Arm um sie legte und zärtlich die Flöte an ihre Lippen setzte.  Eine wunderschöne, zärtliche Melodie schwebte über der Wiese, und ich bemerkte, wie ihre Augen vor Verwunderung aufleuchteten über die Zaubermelodien, die aus der Flöte strömten. Wir spielten die ganze Nacht abwechselnd auf der Flöte, während unsere Freunde uns mit ihren Instrumenten begleiteten.

Nach kurzer Zeit hörten wir unten von dem Hügel leise Stimmen, die immer freudiger und lauter wurden, als sie näher kamen. Tatsächlich war die ganze Stadt auf den Beinen und jeder hatte etwas mitgebracht. Da gab es köstlichen Honigkuchen, Blaubeerpfannkuchen, köstliche Kräutersalate, duftendes noch warmes Brot und süße Kuchen, welche die Frauen, Männer und Kinder in ihren Körben zu der Wiese trugen. Einige der Männer stiegen in die Bagger und Planierraupen und fuhren sie beiseite, nachdem sie den Stacheldraht entfernt hatten. Ich lächelte Lucilla an, als ich ihr einen Becher mit Met reichte, nachdem ich ihr einen zärtlichen Kuß gegeben hatte. Dann wollte ich die kleine Elfe Fiddlestick um ein Ständchen bitten, aber ich wandte mich verständnisvoll ab, als ich sah, wie sie gemeinsam mit ihrem Liebsten gerade aus dem Blütenkelch einer Glockenblume die letzten Tropfen Met herausleckte.