Die drei weisen  
    

   

Eine andere Weihnachtsgeschichte

 

Es ist einer jener Nächte, an denen freiwillig niemand den Weg durch die eiskalte Winternacht gewagt hätte. Doch könnt Ihr nicht, wenn Ihr genau hinseht, die drei Gestalten sehen, die sich, tief in ihre dicken Mäntel gehüllt, ihren Weg durch den tiefen Schnee bahnen? Der Wind peitscht durch die Baumwipfel und zerrt an ihren Gewändern. In der klirrenden Kälte gefriert ihr Atem fast zu Eis. Es ist fast unmöglich, durch den dicken Schneevorhang etwas zu sehen, dennoch weist eine auf eine Stelle vor ihnen. Von irgendwoher kommt ein Licht. Bald sehen sie, daß es aus einer kleinen Höhle dringt, die versteckt zwischen den Felsen liegt. Es dauert nicht lange und die Drei stehen im Licht eines kleinen flackernden Holzfeuers, das fast keine Wärme spendet. Ein Mann ist gerade dabei, einige Tücher in einer Schüssel mit geschmolzenem Schnee auszuwaschen. Ein Kessel hängt über dem Feuer, in dem weitere Tücher eingeweicht sind. 

 Er sieht besorgt und aufgeregt aus, und sieht die Drei zunächst mit einigem Mißtrauen an.

„Was wollen diese drei Bettler hier? Ich habe schon genug Probleme hier alles richtig zu machen. Ich glaube, noch niemals ist ein Mann in meiner Lage gewesen. Das hier ist Frauenarbeit, und keine angenehme dazu“, denkt er bei sich und knurrt die Drei an:

 „Zieht das Tuch wieder vor den Eingang, es ist schon kalt genug hier.“

 Als sie sich aus ihren Umhängen wickeln, entstehen kleine Wasserpfützen auf dem Boden der Höhle. Doch jetzt, von ihren Umhängen befreit, können sie sehen, daß der Mann dort nicht alleine, sondern offensichtlich gerade dabei ist, einer jungen Frau beizustehen, die in den Wehen liegt. Schweißperlen bedecken seine Stirn, und auch die Frau ist fast am Ende ihrer Kräfte.

 Er ist wütend und hilflos. Das Kind will nicht kommen. Die Situation ist wirklich grotesk. Warum nur hat sie ihn in diese Lage gebracht? Das war nicht seine Absicht, er wollte sie zurückschicken zu ihrer Familie, als sie ihm gesagt hatte, daß sie schwanger war.  

Er wollte es nicht glauben, denn er konnte nicht der Vater sein, da ihre Heirat erst für den nächsten Monat angesetzt war. Es ist eine Sünde, wenn sich Mann und Frau vorher der fleischlichen Lust überließen – so sagt man jedenfalls. Sein Ansehen verlangt es, sie entehrt wieder zu ihrer Familie zurückzuschicken, als er erfahren hatte, daß sie keine Jungfrau mehr war. Und jetzt das!

Die Tatsache, daß er sie trotzdem liebt, wagt er sich nicht einzugestehen. Zu stark ist er in seiner Ehre gekränkt. Auch wenn die Tatsache, daß er solange damit gewartet hatte, sie zurückzuschicken, etwas anderes andeuten. Aber schließlich hatte er doch auf die gehässigen Reden seiner Familie gehört.

 Warum nur waren sie auf dem Weg zu ihrer Familie in diesen Schneesturm geraten?

 Hilflos sieht er mit an, wie sich ihr Körper unter dem Ansturm einer neuen Wehe aufbäumt.

Als die Wehe vorbei ist, sieht er zu den drei vermeintlichen Bettlern herüber und ist für einige Sekunden erstaunt und fast sprachlos, als sie sich aus ihren Mänteln gewickelt haben.

 Nur Sekundenbruchteile  sieht er in drei Augenpaare, er sieht in die hellen leuchtenden Augen eines jungen Mädchens, in die dunklen Augen einer reifen Frau und in die von tausend Falten umgebenen Augen einer alten Frau, die voller Weisheit sind, und er braucht seine Bitte um Hilfe nicht auszusprechen. Doch mit dem, was nun geschieht, hat er keinesfalls gerechnet.

 Die Drei ziehen der jungen Frau behutsam ihr mehrfach geflicktes Leinenkleid aus, so daß sie vollkommen nackt vor ihnen liegt. Der Mann will schon protestieren, schließlich ist es in der Höhle nicht viel wärmer als draußen, da bemerkt er, daß sich eine wohltuende Wärme in der Höhle ausgebreitet hat. Er hält inne und zieht sich in den Schatten zurück, um zu beobachten, was weiter geschieht.

 Zuerst beugt sich das junge Mädchen zu ihr herunter. Niemand spricht ein Wort. Zärtlich streicht sie mit ihren Fingern über ihr Gesicht, aus dem jeder Gefühl des Schmerzes verschwunden zu sein scheint. Ein Lächeln erscheint auf ihren Lippen, es herrscht plötzlich eine Atmosphäre voller Heiterkeit. Niemand denkt mehr daran, daß draußen ein eisiger Schneesturm tobt. Die Frau ist zuerst verwirrt. Bisher hat sie noch niemand so berührt. Bevor sie schwanger wurde, hatte sie seltsame Träume von Licht und Wärme gehabt und Stimmen gehört, doch eine zärtliche körperliche Berührung war ihr fremd gewesen. Ihr zukünftiger Ehemann hatte ihr nichts von ihren Träumen geglaubt und wollte sie wieder zurückschicken.

Sie war traurig gewesen, daß er ihr nicht vertraute, und dazu dieser Schneesturm, da war es jetzt kein Wunder, daß die Wehen früher als erwartet eingesetzt haben, auch wenn sie bisher nicht stark genug waren, um das Kind auf die Welt zu bringen.

Um so mehr genießt sie jetzt die zärtlichen federleichten Berührungen auf ihrer Haut. Weiche Lippen, die ihre Wange streifen. Kundige, behutsame Hände, die ihre Schläfen massieren, ihre Wangen streicheln, die verspannten Muskeln ihres Nackens lockern. Entspannt läßt sie sich in die Arme der jungen Frau sinken und überläßt sich ihren sanften Händen, welche zart ihre Kopfhaut massieren, bis jede Spannung und Traurigkeit aus ihrem Geist gewichen ist.

Jetzt wandern ihre Hände tiefer, erkunden die Grübchen an ihrem Kinn und Hals. Ein wohliger Schauer durchrieselt ihren Körper, als sie den Ansatz ihrer Brüste berühren. Sofort richten sich die Brustwarzen auf, und sie seufzt auf vor Wonne. Jetzt nähert sich ihr die zweite Frau und berührt sanft ihren Bauch. Sofort erscheint es ihr, als wenn sich der harte Stein, den sie die ganze Zeit in sich gespürt hatte, in einen hellen warmen Lavastrom verwandelt, der durch ihren ganzen Körper strömt. Das junge Mädchen hat inzwischen eine ihrer Brustwarzen zwischen die Zähne genommen und sanft begonnen, an ihr zu knabbern. Ungeahnte Wonnen durchströmen sie, doch dann bemerkt, wie sich die Muskeln in ihrem Inneren zu einer neuen Wehe zusammenziehen. Diesmal fühlen sich die Schmerzen jedoch anders an, und ein Blick in die Augen der zweiten Frau, die mit ihren Händen noch immer ihren Bauch berührt hat, schenken ihr neues Vertrauen. Es erscheint ihr, als wenn sich in ihr etwas löst und das Kind nach unten gedrückt wird. Die zweite Frau beginnt nun ebenfalls, ihren Körper mit sanften Bewegungen zu massieren und zu streicheln. Einmal beugt sie sich auch herab, um mit ihrer sanften, feuchten Zunge ihre Brustwarze zu streicheln, was eine erneute Wehe bei ihr auslöst. Doch die Schmerzen lassen bald nach und scheinen durch die Hände der zweiten Frau zu strömen und sich aufzulösen. Die zweite Frau massiert und streichelt ihren Bauch weiterhin geschickt mit ihren sanften, aber doch kräftigen Händen, die langsam weiter nach unten wandern. Das junge Mädchen hat inzwischen ihre Hände in ihre genommen und begonnen, sie ebenfalls an einigen Punkten sanft zu drücken und zu streicheln. Die Frau genießt die Berührung mit dem jungen Mädchenkörper, spürt die nackte Haut an ihrem Rücken. Denn auch sie hat sich inzwischen entkleidet. Sie seufzt vor Wonne auf, als spürt, wie schließlich ihr Rücken unter ihren jungen und dennoch erfahrenen Händen geknetet, die immer wieder auf bestimmten Punkten an ihrem Rücken länger verweilen, wodurch mehr und mehr die Spannungen in ihrem Körper abklingen. Schließlich wendet sich das junge Mädchen wieder ihren Händen zu und streichen dann zart mit den Fingernägeln ihre Arme herauf und herab. Die Hände der zweiten Frau sind inzwischen bei der geheimen Stelle zwischen ihren Schenkeln angekommen. Die Scham, die sie zuerst empfunden hatte, als der Mann sie eben dort berührt hatte, als er bemerkt hatte, daß eine Flüssigkeit zwischen ihren Schenkeln herausgelaufen war, die zwar kein Blut war, doch von der er nicht wußte, was es war, ist vollkommen verschwunden. Sie empfindet auch keinen Schmerz mehr, als sich die zarten Finger auf ihre vorher noch vor Schmerzen brennenden Lippen zwischen ihren Schenkeln legen und sanft in sie eindringen.

 Die alte Frau hatte in der Zwischenzeit einige Kräuter aus ihrem Umhang gezogen und sie in das kleine Feuer geworfen, wodurch die ganze Zeit ein angenehmer entspannender Duft die Höhle durchzieht. Währenddessen murmeln ihre Lippen unablässig beschwörende singende Worte, die sich wie ein schützender Mantel um sie legen.

 „Es ist bald soweit“, sagt die zweite Frau und sieht die schwangere junge Frau voller Freude an. Dann beginnt sie, mit kreisenden Bewegungen die weiche Knospe zwischen den Schenkeln der schwangeren Frau zu streicheln, bis sich das sanfte Vibrieren in ihrem Bauch kreisförmig ausbreitet, und heiße Wellen jede Pore ihres Körpers durchdringen, und sie schließlich  die Muskeln ihres Körper mit einem lauten Schrei zu einer letzten Wehe aus Schmerz und Lust zusammenzieht.

 Wenige Zeit später hält die junge Mutter einen kleinen gesundes Sohn im Arm.

 Der Mann nähert sich ihnen zögernd. Seine Hände zittern, als er das kleine Kind in den Arm nimmt und in seinen wollenen Umhang wickelt.

 „Ich weiß nicht, wie ich Euch danken kann. Zu gerne wüßte ich, wer Ihr seid“, sagt die junge Frau.

 „Wir wandern schon seit einiger Zeit durch dieses Land. Wir sind immer auf irgendeiner Wanderung. Wir durchstreifen die Welt, um zu lernen, zu suchen und zu sehen, was auf der Welt geschieht. Jede von uns hat schon einiges in ihrem Leben durchgemacht, manches waren Dinge, die du auch erlebt hast oder die du vielleicht erleben möchtest.“ Das junge Mädchen lächelte sie an und die junge Mutter ist erstaunt, diese Worte von einem jungen Mädchen zu hören.

„Auf welcher Suche seid Ihr jetzt? Erzählt mir von Euch“, bittet sie die Drei.

Das junge Mädchen fängt an zu erzählen:

„Ich habe lange Zeit in einem Wald gelebt, ich liebte es, mit den Tieren um die Wette zu laufen, den Bäumen zuzuhören, wenn ihre Blätter ihr uraltes Lied rauschten, den Duft der Blumen einzuatmen, die auf einer Sommerwiese wuchsen. Damals habe ich mir geschworen, niemals nur einem Mann zu gehören. Ich war wild und ungezähmt, und alle Tiere des Waldes waren mir so vertraut, als wenn sie immer zu mir gehört hätten. Manche nannten mich „die wilde Jägerin“, denn ich liebte es durch den Wald zu reiten, während der Wind um mich herumtoste. Es entstanden wilde Geschichten über mich, weißt du. Manche erzählten, daß ein Mann, der mich heimlich beim Baden beobachtet hatte, von mir in einen Bären verwandelt wurde. Viele Menschen glaubten daher, daß ich zaubern kann, aber du weißt ja, was die Menschen so reden. Ich war jedenfalls stolz auf meine Unabhängigkeit und ich liebte das Leben. Viele Menschen kamen zu mir, besonders junge Mädchen, bevor sie verheiratet werden sollten. Sie wollten sich noch einmal frei und ungebunden fühlen, bevor sie ein anderes Leben führen würden. Zusammen tanzten wir oft mit nichts als dem Mondlicht bekleidet auf den Waldlichtungen.“

Das junge Mädchen lacht und dreht sich zu dem Ochsen und dem Esel herum, die in einer Ecke der Höhle vor sich hindämmern. Sie reibt ihr Fell und flüstert ihnen etwas ins Ohr.

Dann streckte sie ihre Beine aus und kuschelte sich genüßlich zwischen sie.

„Ich mag die beiden. Sie sind zwar etwas träge im Augenblick, aber ich glaube, sie haben auch schon einige Abenteuer hinter sich. Vielleicht erzählen sie mir heute nacht davon.“

Die junge Frau drückte ihren Sohn an sich. Tief in ihr steigt Bewunderung und fast so etwas wie Neid in ihr auf. Diesem jungen Mädchen war es egal, was die Leute von ihr dachten. Sie wünschte sich fast, sie früher kennengelernt zu haben. Sie hätte sich nicht zwingen lassen, zurück zu ihrer Familie geschickt zu werden, so wie sie, als sie schwanger wurde, bevor sie verheiratet war. Schwanger, bevor sie einen rechtmäßigen Ehemann hatte. Dabei war er in ihrem Herzen schon lange ihr Mann gewesen. Warum nur hatte er sie verstoßen wollen? In Wirklichkeit liebte sie ihn noch immer, auch wenn weder er noch sie verstanden hatten, was eigentlich mit ihr geschehen war. Heimlich sah sie herüber zu ihm, der jetzt den kleinen Jungen in seinem Arm mit einem Blick ansah, den sie vorher nie an ihm gesehen hatte. Flüchtig streifen sich ihre Blicke. Schließlich nimmt die zweite Frau ihm vorsichtig das kleine Bündel ab und legt es der jungen Mutter in den Arm.

 Das junge Mädchen steckt ihre Hand in die Falten ihres Mantels.

„Ich möchte dir ein Geschenk machen. Damit du mich und den Wald nicht zu schnell vergisst.“

Sie übergibt ihr einen grünen Tannenzweig mit einem Tannenzapfen.

„Aber es gibt noch ein Geheimnis um diesen Tannenzweig,“ fährt das junge Mädchen fort.

„Tief in dem Wald, in dem ich lebe, wächst ein großer, mächtiger Baum, niemand weiß, wie alt er ist. Manche meinen, dass er schon seit Anbeginn der Zeiten existiert und daß seine Wurzeln tief in die Erde hereinreichen und mit der Quelle allen Lebens verbunden sind. Es kamen viele Menschen in den Wald, um Gaben an ihn zu hängen und so ihre Verehrung und Dankbarkeit für die Gaben der Erde zu zeigen. Dieses ist ein Zweig des Baumes.“

„Wie ist denn dein Name?“ fragt sie die junge Frau, während sie eine Brust herausholt, um ihren Sohn zu stillen.

Das junge Mädchen lächelt:

„Manche nennen mich Artemis, aber manche Frauen nennen mich auch Diana.“

 Sie sieht die zweite Frau neugierig an:

„Jetzt erzähle mir von dir. Wo habt ihr euch kennengelernt?“

„Ich kam zu ihr eines Tages, als ich verzweifelt war. Ich war einst eine mächtige Königin, auch wenn du vielleicht jetzt davon nichts mehr sehen kannst.“

Sie blickt an sich herab: Ihr Kleid ist durchnässt und schmutzig, doch dennoch geht von ihr eine geheimnisvolle Aura aus, die auch der jungen Frau nicht verborgen bleibt.

„Du bist wunderschön und es gibt tief verborgen in dir ein Strahlen, das, wie ich glaube, niemals verlöschen wird. Aber jetzt erzähle mir deine Geschichte.“

Die zweite Frau sieht sie dankbar an:

„Ich danke dir. Einst war ich genauso glücklich wie du jetzt. Ich hielt meine kleine Tochter im Arm und dachte, daß das Glück vollkommen wäre. Unser Volk war glücklich und die Felder trugen reiche Früchte. Doch eines Tages wurde sie entführt. Manche sagten, vom Fürsten der Unterwelt. Sie war damals kein kleines Mädchen mehr. Ihre Schönheit muß die Begierde so manchen Mannes geweckt haben. Ich irrte durch die Welt um sie zu suchen. Dabei vernachlässigte ich alle meine Pflichten. Unser Land fing an brach zu liegen. Die Felder wurden nicht mehr bestellt, aber es wuchs auch nichts mehr auf ihnen. Es war, als wenn mein Kummer den Samen alle Lebenskraft entzogen hätte. Schon damals fing der Schnee an, auf unsere Felder herabzustürmen. Nur selten zeigte sich die Sonne in unserem Land.

Während meiner Suche traf ich auf Diana. Sie erinnerte mich so an meine Tochter. Wir schlossen Freundschaft und wir schworen, füreinander da zu sein. So begleitete sie mich auf meiner Suche. Was ich hoffe, ist, daß Kore eines Tages zu mir zurückkehren und daß dann wieder die Sonne scheinen wird.“

 Die junge Frau wischt sich eine Träne ab, während sie auf ihren Sohn herabschaut.

„Deine Geschichte rührt mich sehr. Sag mir doch, wie ist dein Name? Wie lange irrt ihr schon durch die Schneewüste?“

„Ich heiße Demeter und wir sind schon so lange unterwegs, daß ich vergessen habe, die Tage zu zählen. Aber ich will dir auch ein Geschenk machen. Denn, dass ich dir helfen konnte, hat wieder etwas Freude in mein Herz gebracht. Siehst du, hier, diese Äpfel sind die letzten Früchte von unseren Bäumen, bevor Kore entführt wurde. Wenn sie zu mir zurückkehrt, wird hoffentlich auch die Fruchtbarkeit in unser Land zurückkehren. Sieh nur, wie hübsch sie aussehen, auf dem grünen Tannenzweig.“

 Jetzt nähert sich die alte Frau dem Feuer. Der Schein der Flammen wirft Schatten auf ihr altes, weises Gesicht. Sie verharrt einige Augenblicke stumm, als sie in die Flammen blickt. Bilder tauchen vor ihrem Geist auf. Ihre Augen blicken fast wie in Trance.

„Was ich in den Flammen sehe, ängstigt mich. Aber es sind vielleicht nur Ahnungen, und sie werden niemals wahr. Wenn ich deinen Sohn anblicke, sehe ich Freude und großes Leid. Er wird es nicht leicht haben in seinem Leben, aber er wird sehr weise sein. Er wird für alle sprechen, die ebenfalls so wie er, kein leichtes Leben haben. Er wird viel leiden, und sein Tod wird grausam sein. Aber er wird auch große Hoffnung spenden.

 Es wird viele Menschen geben, die das, was er sagt, auf ihre Weise auslegen wollen, und es benutzen, um ihre Macht zu untermauern. Ich sehe blutige Kriege, Tod und Verzweiflung.

Ich sehe wie Frauen auf Scheiterhaufen verbrannt werden, dafür, daß sie Frauen sind, dafür, daß sie Wissen besitzen, das Männern verborgen ist, dafür, daß sie anders denken als sie und nicht verstehen, wie Männer seine Worte verdreht haben.“

Sie dreht sich zu der jungen Mutter um und legt ihrem Sohn die Hand auf seinen kleinen Kopf und das Herz.

„Ich wünsche dir, daß wir in deinem Herzen sind und daß auch unsere Stimme aus deinem Mund spricht. Es muß nicht wahr werden, was ich in den Flammen gesehen haben. Es liegt an den Menschen, den richtigen Weg zu wählen.“

Die junge Mutter sieht sie fragend an:

„Wie ist dein Name, weise Frau?“

„Man nennt mich Hekate, ich bin diejenige, die am Scheideweg steht.“

Sie greift in die Falten ihres Gewandes und zieht eine kleine Kerze heraus, die sie an dem Feuer entzündet. Sie stellt sie in den Schatten, der sofort von einem schwachen Schein erleuchtet wird. Doch die Flamme ist nur klein und flackert noch zaghaft hin und her.

„Das schenke ich dir, damit du uns und unsere Suche nicht vergißt. Wenn die Kerze besonders hell leuchtet, werdet ihr wissen, daß wir unsere Suche beendet haben und daß Kore zu ihrer Mutter heimgekehrt ist, so daß die Dunkelheit dem Licht gewichen ist und das Land wieder Früchte trägt.“

 Der Mann sieht jetzt zögernd, fast schüchtern, die junge Frau an, die ihr Baby im Arm hält und kommt auf sie zu. Er legt den Arm um sie. Niemand spricht ein Wort.

 Die drei Frauen bleiben die Nacht in der Wärme des Feuers in der Höhle. Am nächsten Morgen schimmert eine blasse Sonne durch das Schneetreiben, das nach und nach immer schwächer wird. Sie umarmen die Frau und den Mann, die ihnen bei ihrer Reise alles Gute wünschen. Der Mann steht noch lange Zeit nachdenklich am Höhleneingang und sieht zu, wie die Umrisse der drei Frauen immer kleiner werden, und ihre Fußstapfen im wieder aufkommenden Schneetreiben verschwinden.