Elementare Geheimnisse

 

Buchrezension von Alexandra Kühn

 

Sind es die Haare einer Frau, durch die Cwenderon seine Finger gleiten lässt oder das dichte Fell eines Panthers? Wem gehören die Katzenaugen, die ihn anfunkeln? Am nächsten morgen weiß Cwenderon Bescheid und er erfährt von dem Bann, der über der Pantherfrau liegte...„Elementare Geheimnisse – Mystische Geschichten“ heißt Antje Grügers Buch, das voller Magie, Symbolkraft und animalischer Leidenschaften steckt. Antje Grüger öffnet dem Leser die Augen für eine Welt, in der die ungebändigten Kräfte der Natur, denen zur Seite stehen, die sie zu nutzen wissen. Es gehe ihr „um die Achtung vor den Kräften der Natur, den Elementen, die mehr und mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Und um die Verbindung zwischen den Kräften der Natur und den Menschen, die durch die sogenannten sexuellen Energien auch einen Anteil an den „anderen“ Ebenen erhalten und durch sie verwandelt werden“, erzählt die Autorin. Angefangen habe alles mit erotischen Phantasien, die aber bald um magische Aspekte ergänzt wurden. Sie begann, „Sex als etwas magisches anzusehen, das eine gewaltige Lebensenergie verkörpert, die sich durch alle Elemente zieht und dadurch von den einzelnen Elementen gar nicht zu trennen ist. Diese Energie ist zwiespältig: Einerseits kann sie zerstören, andererseits hat sie eine enorme heilende und schöpferische Kraft.“

Den vier Elementen gewidment, befasst sich der erste Teil des Buches mit menschlichen Sehnsüchten und Leidenschaften, die in der Symbolik von Feuer, Erde, Wasser und Luft ihre Entsprechung finden. Ausdrucksstark wie der Tanz der „Feuertänzerin“ ist die gleichnamige Erzählung, die sich um Vergewaltigung – oder war es freiwillige Unterwerfung?  - Haß, Rache und Tod  dreht. Kein moralisches Urteil zivilisiert die faszinierende Dynamik, mit der sich verderbenbringende Leidenschaften ihre Bahn brechen.

Den zweiten Teil – eingeleitet von englischsprachigen Gedichten – bilden Drachenerzählungen. Antje Grüger grenzt sich hier ganz bewusst von christlichen Vorstellungen ab, nach denen Drachen Ausgeburten der Hölle seien. Sie sieht in ihnen vielmehr die „Hüter uralter Weisheiten“: nur zauberkundige Drachensängerinnen können die lebens- und todbringenden Energien der Drachen lenken. In „Silvermoons Geheimnis“ retten die Verwandlungskünste und der Drachengesang einer Frau die Mitglieder des Ravenclans vor dem unbarmherzigen Gesetzt des Königs.

Ähnlich phantastisches spielt sich in „Die Drachentänzerin“ ab: Ylshiala reist durch das Land, um den Feueratem des Drachen wiederzuerwecken, der einst durch Verrat ausgelöscht wurde. Seitdem verdorrt das Land und wird vom Krieg heimgesucht. Was die Drachentänzerin Ylshiala nicht weiß: auf ihrer Reise verfolgen sie Augen... Und so nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung, als Ylshiala glaubt, ihr Ziel endlich erreicht zu haben. In den meisten Erzählungen sind es starke Frauen, die die Naturkräfte beherrschen und damit das Leben der Menschen beeinflussen. Männer treten in den Rollen von vordergündig mächtigen Herrschern und Kriegern auf, die aber der erotischen Ausstrahlung schöner Frauen erliegen. Fast entsteht der Eindruck, Männer seien nur ein notwendiges Übel für den Paarungsakt  - wenn da nicht „Succubus“ wäre: diesmal ist es ein Mann, der mit fortgeschrittener Technologie ein nuklearverseuchtes Planetensystem zum Blühen bringt. Wo in den anderen Geschichten die Natur im Konflikt mit zivilisatorischen Herrschaftsgelüsten den Sieg davon trägt, zeigt die Zukunftsvision „Succubus“ die Möglichkeit auf, Natur und Technik zu versöhnen. Ganz archaisch geht es noch einmal in den Legenden von „Deirdre“ und „Etain und Midhir“ zu. Wird es den Heldinnen gelingen, die Schicksalsfäden zu durchtrennen oder nimmt das Schicksal trotz – oder gerade wegen – aller Prophezeiungen seinen unerbittlichen Lauf? Eine Antwort gibt es – im nächsten Leben...Im locker – leichten Schreibstil präsentiert Antje Grüger Realitäten hinter der Realität. Ihr gelingt es mühelos, den Leser in ein mittelalterliches Ambiente oder eine futuristische Stadt zu entführen. Mit Bravour meistert die Autorin erotische Szenen: Sie vermeidet gekonnt die Falle platter Pornographie, ohne dass die Darstellung gekünstelt oder weniger authentisch wirkt.

Antje Grüger hat mit ihrem Erstlingswerk ein äußerst anregend zu lesendes Buch abgeliefert, das Lust auf mehr macht. Bald wird  aus der Feder der Autorin „Der Schatz der Drachensänger“ erscheinen, das eine Fortsetzung von „Silvermoons Geheimnis“ ist und zahlreiche ungewöhnlich-magische Abenteuer bietet.  

 

Zwei Geschichten aus dem Buch:

Die Feuertänzerin

Wolfsfrau