Silvermoon und der Zwerg Bardor sind Personen aus meinem Buch „Der Schatz der Drachensänger“.Hier
erzählt er Silvermoon zwischen zwei Abenteuern eine lustige Geschichte,
welche die Zwerge in einem ganz anderen Licht erscheinen läßt. Bardors
Erzählung
Die
Luft in der Kneipe „Zum goldenen Eber“ in Verlath ist geschwängert
mit köstlichsten Gerüchen. Es duftet nach saftigem Braten, gewürzten
Wein, Zwiebeln, Gewürzen und dem unvergleichlichen Gerüchen der
drallen Schankwirtin. Mit einem Wort, all das, was Bardors Herz höher
schlagen läßt. Der Zwerg lehnt sich zufrieden zurück und nimmt einen
weiteren Schluck von dem Wein, den Kylrah, die Wirtin, gerade
eingeschenkt hat. „Es
geht doch wirklich nichts über den guten Wein aus Kylrahs Kellern. Ich
frage mich, was sie alles hereinrührt, aber ich kann mich am nächsten
Tag meist an gar nichts mehr von dem erinnern, was ich erzählt habe,
trotzdem fallen mir immer die besten Geschichten ein, wenn ich nur daran
rieche. Habe ich dir eigentlich jemals die Geschichte von dem Zwerg
Belgor erzählt, Silvermoon?“ Silvermoon
nimmt ebenfalls einen kräftigen Schluck und lachte ihren Freund voller
Neugierde an. „Nein,
Bardor, das hast du noch nicht. Wenn er so ein toller Bursche ist wie
du, kann ich es gar nicht abwarten, daß du anfängst.“ Bardor
grinst geschmeichelt. „Ich
habe von ihm gehört, weißt du. Aber verwandt sind wir nicht, schade
eigentlich...“ Silvermoon
stützt ihren Arm auf und sieht ihn erwartungsvoll an. Bardor
überlegt einen Augenblick: „Oh
ja, und wir wetten um eine Flasche von dem Wein, daß du das Ende nicht
errätst, ja?“ Silvermoon
schmunzelt und schlägt ein: „In
Ordnung, alter Gauner. Ich weiß zwar, daß ich bei Wetten mit dir immer
den Kürzeren ziehe, aber das Risiko gehe ich jetzt ein.“ Bardor
rückt sich auf seinem Stuhl zurück und fängt an: „Also,
ich habe die Geschichte von meinem Großvater und der hat sie wiederum
von seinem Onkel, und der von seinem Urgroßvater glaube ich. Sie
geschah zu der Zeit, als in Malteshriah noch ein hochmütiger Fürst
regierte. Er nannte sich Cymor und ich bin froh, daß ich ihm niemals
begegnet bin. Er war bekannt dafür, daß er sich nur mit den
erlesensten Dingen umgab. Sein Harem zählte mehr als einhundert der schönsten
Sklavinnen. Sobald er jedoch den geringsten Makel an einer von ihnen
entdeckte, wurde sie sogleich verbannt, gefoltert oder, wenn ihm der
Sinn danach stand, auch einfach getötet. Was er besonders haßte, waren
kleinwüchsige Menschen. Als ihm einmal jemand eine Sklavin anbot, die
seinen Vorstellungen nach zu klein war, wurden beide zu seiner
Belustigung den wilden Tigern zum Fraß vorgeworfen. Unnötig zu sagen,
daß Zwerge für ihn keine Menschen waren. Offensichtlich hatte er
niemals etwas von den bemerkenswerten Eigenschaften unserer Rasse gehört.
Für ihn waren Zwerge primitive, ungebildete Winzlinge, die nicht das
Anrecht hatten, überhaupt auf dieser Erde zu wandeln.“ Bardor
lehnt sich genüsslich in seinen Stuhl zurück und streicht sich
selbstzufrieden über seinen Bart. „Eines
Tages geschah es dann, daß er von einem reisenden Händler Schmuck
kaufte, der seine Frauen dermaßen entzückte, daß er sich bei ihm
erkundigte, woher die seltenen Edelsteine stammten, die kunstvoll in die
Ketten eingearbeitet waren. „So
genau kann ich es dir nicht sagen, Herr. Denn ich habe sie selbst von
einem Goldschmied gekauft, der sagte, sie würden aus den Bergen von
Kaltresh stammen. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er
mir gesagt hat, wer ihm diese
Steine geliefert hat.“ „Hm,
die Berge von Kaltresh?“ überlegte Cymor. Er hatte bisher noch nie
davon gehört, daß diese Berge wirtschaftlich erschlossen seien,
geschweige denn, daß jemand dort wohnte. Sie befanden sich einige
Tagesreisen von seiner Provinz entfernt. Auch wenn er ein besonderer Ästhet
war, so steckte doch das Herz eines Forschers in ihm, und er beschloß,
zusammen mit einigen vertrauenswürdigen Pionieren und Soldaten zu den
Bergen aufzubrechen, und die Abbaumöglichkeiten dort zu erkunden. Falls
er wirklich dort fündig werden sollte, würde er schon Mittel und Wege
finden, sich dort die Abbaurechte zu sichern und, wen auch immer dort zu
vertreiben, der sich dort niedergelassen hatte. Denn diese Steine könnten
sich als wahre Goldgrube erweisen. Außerdem hatte er das Bedürfnis,
seiner Lieblingskonkubine eine besondere Freude zu machen, die ganz
versessen nach diesen Steinen war. Nachdem
er die Regierungsgeschäfte in die Hände eines fähigen Stadthalters übergeben
hatte, machte er sich auf den Weg. Um nicht zuviel Aufsehen zu erregen,
denn schließlich war es ja doch eine geheime Mission, reiste er
inkognito, auch wenn er und seine Begleiter ihre Schwerter und Dolche
stets griffbereit unter ihren Mänteln versteckt hatten. Da es eine
weite Reise war, mußten sie in einem Gasthof übernachten. Auch wenn er
inkognito unterwegs war, so wollte er doch auf einen gewissen Komfort
nicht verzichten. Er bestellte die erlesensten Speisen und ließ sich
das beste Zimmer im Gasthof reservieren. Der Wirt war gegangen, um die
Zimmerschlüssel für sie zu holen und dort das Essen zu servieren, denn
Cymor hatte nicht das Bedürfnis, in der Gaststube zu essen, die bereits
mit mehr oder weniger zwielichtigem Gesindel gefüllt war. Cymor ließ
sich von einem seiner Begleiter gerade etwas Duftwasser reichen und
besprengte sich damit seine Arme und Hände, denn seine Nase reagierte
äußerst empfindlich auf die Küchengerüche, die von der Garküche
hereindrangen. Er war gerade dabei, mit Celmar, einem Gelehrten, der ihn
auf seinen Reisen immer begleitete, ein kompliziertes philosophisches
Gespräch anzufangen, als sich die Tür des Gasthofes öffnete und eine
ganze Schar von Männern hereinpolterte. Cymor sah sich ungeduldig nach
dem Wirt um, der die Schlüssel bringen wollte, als eine äußerst
unangenehme Duftmischung aus Knoblauch, Zwiebeln und Wein seine Nase
kitzelte. Gleich darauf ertönte ein ohrenbetäubendes Lachen und jemand
gröhlte: „Bei
den Ärschen der Götter, ich
glaube, hier sind wir richtig!“ Cymor
gelang es zuerst nicht, herauszufinden, wer da gesprochen hatte, und er
wollte sich schon über die primitive Ausdrucksweise der Gäste empören,
die er an seinem Hof niemals geduldet hätte. Doch noch gerade
rechtzeitig fiel ihm ein, daß er ja nicht erkannt werden wollte.
Erst als er den Blick senkte, sah er zu seinem Entsetzen einen
kleinen Zwerg, der sich grinsend auf einer Bank des Gasthofes
breitgemacht hatte und einen obszönen Witz nach dem anderen erzählte,
während er gar nicht so schnell zusehen konnte, wie dieser eine beträchtliche
Anzahl an Weinbechern leerte. Der
Wirt war inzwischen zurückgekehrt und hatte ihn gebeten, sich noch
einen Augenblick zu gedulden, während das Zimmer hergerichtet wurde,
und so war er gezwungen, noch etwas auszuharren. Mit wachsendem
Widerwillen beobachtete er den kleinen Zwerg, der jetzt munter auf dem
Boden des Gasthofes herumtollte und seine Kunststücke vorführte. Nach
einem gekonnten Salto sprang er zwischen den einzelnen Bänken hindurch,
und mancher von den Gästen warf ihm eine Goldmünze zu, die er grinsend
auffing. Schließlich blieb sein Blick an Cymor hängen und er hüpfte
zu ihm herüber. „Eine
Goldmünze, Herr, und ich zeige dir...“ Cymor
wandte seinen Blick ab, empört darüber, daß so eine Kreatur es überhaupt
gewagt hatte, das Wort an ihn zu richten und legte seine parfümierte
Hand vor die Nase, um den aufsteigenden Knoblauchduft zu bekämpfen. Er
giftete ihn an: „Geh
mir aus den Augen, du Wicht. Ich habe besseres zu tun, als so einer Kröte
wie dir mein Gold in den Rachen zu stopfen. Verschwinde! Falls ich dich
jemals für irgend etwas bezahle, lebe ich einen Monat nur von Wasser
und Brot.“ Er
gab ihn einen Tritt in seine Kehrseite, so daß er wieder zurück in die
Gaststube rollte. Der
Zwerg richtete sich auf und rieb sich seinen Hintern: „Das
wäre aber nicht nötig gewesen, Herr. Für eine Goldmünze hätte ich
dir gerne gezeigt, was man mit seiner Kehrseite besseres anfangen könnte.“
Er machte eine eindeutige Geste und grinste ihn frech an, dann ging er
wieder zurück zu seinen anderen Trinkbrüdern, die bei seinen letzten
Worten gröhlend aufgelacht hatten. Cymor stieg das Blut in den Kopf und
er griff unter seinen Umhang nach seinem Schwert und wollte gerade auf
den Zwerg losstürmen, als er gerade noch rechtzeitig von einem seiner
Leibwächter zurückgehalten wurde. „Beruhigt
Euch, Herr. Wir wollen doch kein Aufsehen verursachen.“ Zähneknirschend
wandte sich Cymor nach ihm um und sagt mit vor Zorn gepreßter Stimme: „Was
bildet sich diese Ratte ein, mit wem er es zu tun hat...“ Sein
Leibwächter erwiderte: „Nur
die Ruhe, Herr. Wenn Ihr es wünscht, werde ich ihn heute nacht
erledigen. Doch Ihr solltet euch die Finger nicht schmutzig machen.“ Cymor
willigte widerwillig ein und ließ sich schließlich dazu herab, sein
Zimmer aufzusuchen, denn der Wirt war gerade mit dem Schlüssel zurückgekehrt
und sagte ihm, daß das Zimmer nun fertig sei und die bestellte Mahlzeit
dort auf ihn warten würde. Am
nächsten Morgen war die Gaststube leer, und Cymor und seine Männer
gingen herunter, um bei dem Wirt das Frühstück zu bestellen und die
Rechnung zu bezahlen. Zu Cymors Leidwesen hatte ihm sein Leibwächter
berichtet, daß der Zwerg am abend zuvor unauffindbar gewesen sei,
nachdem er noch einmal in die Gaststube hinuntergegangen sei, so daß er
dessen unverschämte Frechheit nicht mit dem Schwert aus ihm
herauskitzeln konnte. Cymor
wollte gerade wieder in sein Zimmer hinaufgehen, als sich die Tür zu
der Gaststube öffnete, und sein Blick wie vom Donner gerührt an der
Erscheinung hängenblieb, die dort hereinkam. Die junge Frau war schlank
und hochgewachsen. Ihre geschmeidiger Körper steckte in hohen
Lederstiefeln und einer enganliegenden Hose, die ihre Formen vorteilhaft
betonte. Ein glänzendes, mit Ringen und seltsamen Mustern verziertes
Lederwams umschloß ihren Oberkörper, und er konnte seinen Blick nicht
von ihrem üppigen Busen lösen, der sich unter dem glänzenden Leder überdeutlich
abzeichnete. An ihrer rechten Seite steckte ein Schwert in einer
kunstvoll bestickten Scheide, und Cymor sah, daß ihre nackten Oberarme,
die von goldenen Ringen umschlossen waren, außerdem mit kunstvollen
Tatoos geschmückt waren. Als ihr Blick auf Cymor fiel, lachte sie ihn
offen und einladend an. Er schluckte, noch niemals hatte er etwas ähnliches
gesehen. Auch wäre es in Malteshriah undenkbar gewesen, daß eine Frau
alleine und ohne männlichen Schutz umherreiste. Seine Sklavinnen waren
bescheiden und unterwürfig und niemals wäre es einer von ihnen
eingefallen, unaufgefordert das Wort an ihn zu richten. Doch
genau das tat sie jetzt. „Was
siehst du mich so an? Du starrst auf meine Tatoos als hättest du einen
Geist gesehen.“ Cymor
wollte sie gerade zurechtweisen über diese Unverschämtheit, doch für
ihn unverständlicherweise schluckte er eine spitze Bemerkung hinunter.
Irgend etwas an dieser Frau faszinierte ihn. Noch
besser, er ließ sich sogar dazu herab, sie einzuladen, das Frühstück
mit ihm zu teilen. Er stellte sich heraus, das sie zu einem kleinen Dorf
in der Nähe von den Bergen von Kaltresh unterwegs war und sie bot sich
an, ein Stück mit ihm mitzureisen. „Auf
den Straßen ist es nicht ungefährlich. Es treibt sich eine Menge
Gesindel herum und der Weg nach Kaltresh, den ihr einschlagen wollt, ist
relativ unwegsam und lang. Ich könnte euch eine Abkürzung zeigen.“ Cymor
mußte an sich halten, um seine Begeisterung nicht zu offen zu zeigen.
Was würde er dafür geben, diese Frau in sein Bett zu kriegen... Gerade
als er diesen Gedanken zuende gedacht hatte, fühlte er eine leichte Berührung
auf seiner Hand, die seine Lenden angenehm prickeln ließ. Ihr Blick
entzündete ein brennendes Feuer in seinem Inneren. „Ich
frage mich die ganze Zeit, was für ein Schwert du unter deinem Umhang
versteckst.“ Ihre
Hand legte sich wie unbeabsichtigt auf seinen Oberschenkel. „Der
Goldbeutel da sieht auch recht verlockend aus...“ In
dem Augenblick war Cymor klar, daß sich die Weiterreise noch um einige
Stunden verzögern würde. Die
Worte der geheimnisvollen Fremden schienen tatsächlich wahr zu sein.
Sie war keineswegs ungefährlich, ihre Reise nach Kaltresh. Als sie
durch einen engen Waldpfad ritten, tauchten plötzlich wie von
Geisterhand bewaffnete Reiter aus dem Gebüsch auf. Es waren
offensichtlich Straßenräuber, die es auf Cymors Reitertrupp abgesehen
hatten, und er und seine Männer sowie die fremde Amazone, die sich
ihnen angeschlossen hatten, nachdem ein Beutel mit Gold den Besitzer
gewechselt hatte, zogen gleichzeitig ihre Schwerter und stürzten sich
auf die Angreifer. Doch trotz ihrer ausgezeichneten Kampftaktik konnten
sie sich auf lange Sicht nicht gegen die Räuber zur Wehr setzen, die
ihre Taktik durch rohe Gewalt und zahlenmäßige Überlegenheit zunichte
machten. Cymor hatte seine Männer bereits aus den Augen verloren und
war in einen erbitterten Schwertkampf mit einem der Räuber verwickelt,
während sie sich immer mehr von dem Weg entfernten. Schließlich gelang
es Cymor, seinen Gegner in die Flucht zu schlagen, doch er konnte ihm
nicht folgen, da er selber auch einige Wunden davongetragen hatte. Von
seinen Männern war weit und breit nichts mehr zu sehen, die Pferde
hatten das Weite gesucht, und er wußte nicht, ob noch welche von den Räubern
am Leben waren. Auch von der seltsamen Amazone, die ihn mit ihren
raffinierten Liebesspielen fast um den Verstand gebracht hätte, fehlte
jede Spur. Möglicherweise waren sie und seine Männer gefangengenommen
worden. Er versuchte vergeblich, irgendeinen Hinweis darauf zu
entdecken, was mit ihnen geschehen war, doch er wußte auch, daß es
sehr gefährlich für ihn alleine war, weiter zu suchen. Cymor versuchte
sich an den Weg zu erinnern, den er gekommen war und zurück zu dem
Gasthof und in das Dorf zu gehen, um dort Hilfe zu suchen. Keinesfalls
durfte jemand erfahren, wer er war. Er wäre eine zu wertvolle Geisel
gewesen. Alle diese Gedanken schwirrten durch seinen Kopf als er
versuchte, den Rückweg zu finden, aber feststellen mußte, daß er nun
schon zum dritten Mal wieder an der gleichen Stelle angekommen war. Es
war sinnlos, er mußte sich eingestehen, daß er sich hoffnungslos
verlaufen hatte. Zu allem Überfluß begann die Sonne gerade
unterzugehen. Er war nun
ganz auf sich alleine gestellt und versuchte, die Schmerzen nicht zu
beachten, die von seinen Wunden verursacht wurden. Als es schließlich
so dunkel geworden war, daß er unmöglich weiter gehen konnte, setzte
er sich erschöpft an den Stamm einer großen Eiche und beobachtete, wie
langsam der Mond aufging. Da wurde er von dem Geräusch knackender
Zweige aus seinem Dämmerzustand gerissen. Ungeschickt versuchte er nach
seinem Schwert zu greifen und die Ursache des Geräusches ausfindig zu
machen. „Nanu,
wen haben wir denn da? Benutzt du deinen Hintern immer noch für nichts
besseres als das Laub plattzudrücken?“ ertönte da neben ihm eine
bekannte Stimme. Cymor
unterdrückte einen Fluch als er vergeblich versuchte aufzustehen und
sich schließlich in der demütigenden Lage befand, zu dem Zwerg
aufblicken zu müssen, der vor ihm stand und ihn amüsiert musterte, während
er mit einem Grashalm zwischen seinen Zähnen herumstocherte. „Hm,
das sieht aber nicht gut aus“, sagte der Zwerg, als er die Wunde sah,
die das feindliche Schwert Cymors Unterarm zugefügt hatte. „Lass mich
das einmal aus der Nähe ansehen.“ Er
beugte sich zu Cymor hinab, so daß dieser nun erneut in den Genuß
einer Wolke aus Knoblauch und Zwiebeln gelangte. Der Zwerg untersuchte
die Wunde und Cymor mußte einen Schmerzenslaut unterdrücken. Da griff
der Zwerg in seine Tasche und zog ein paar Blätter heraus, die ähnlich
aussahen, wie der Grashalm, auf dem er die ganze Zeit herumgekaut hatte.
„Hier,
nimm das. Es lindert die Schmerzen. Ich habe gerade ein Büschel davon
gefunden und wollte es zurück in meine Höhle bringen. Man kann das
immer gebrauchen hier im Gebirge, weißt du.“ Cymor,
der bisher kein Wort gesagt hatte, wußte nicht ob er fluchen oder
erleichtert sein sollte, daß er bei Anbruch der Dämmerung tatsächlich
jemanden begegnet war, der ihm helfen konnte. Aber daß es dieser Zwerg
sein mußte... Er
stopfte sich eine Handvoll der Blätter in den Mund und mußte zugeben,
daß sie gar nicht übel schmeckten. „Du
hast verfluchtes Glück, meine Höhle ist nicht weit von hier.“ Cymor
preßte etwas zwischen seinen Zähnen hervor, daß sich wie „Danke“
anhörte und richtete sich unter Schmerzen auf. Nachdem er ein paar
Schritte gegangen war und anfing zu schwanken, brummte der Zwerg: „Los,
nicht so zimperlich, stütze dich auf mich, Hier hast du einen Stock für
die andere Hand, aber es ist ja nicht weit.“ Unter
anderen Umständen hätte sich Cymor lieber aufgehangen als einen Zwerg
auch nur zu berühren, aber jetzt mußte er wohl oder übel seine Hilfe
annehmen. Nachdem
sie schließlich in der Höhle angelangt waren und der Zwerg ihm einen
Umschlag aus den zerstoßenen Blättern gemacht hatte, die er auf Cymors
Wunden legte, durchdrang ein ganz und gar unvornehmes Magenknurren die
Stille der Nacht. „Hunger,
was?“ sagte der Zwerg und fing an, in einem Kessel mit Suppe herumzurühren,
der über dem Feuer hing. Cymor
dankte dem Zwerg mit einem Kopfnicken und begann vorsichtig die heiße
Suppe zu löffeln, während er versuchte den Zwerg nicht zu beachten,
der mit sichtlichem Genuß schmatzte und schlürfte, während er in
einem atemberaubenden Tempo seine Schüssel leerte. Danach lehnte der
Zwerg sich zufrieden zurück, faltete die Hände über seinem Bauch und
rülpste voller Wohlbehagen. „Jetzt
erzähle mir doch mal, was dich hierher verschlagen hat. Im Gasthof wo
ich dich gesehen habe, habe ich mich gleich gefragt, wer ihr komischen Vögel
eigentlich seid. Irgendwie schient ihr da nicht hinzupassen.“ Cymor
überlegte, wie weit er ihm vertrauen konnte. Auf
jeden Fall hatte er schon zwei Dinge über Zwerge erfahren, die er ihnen
keineswegs zugetraut hatte. Sie waren hervorragende Köche und schienen
sich gut mit Kräutern auszukennen. „Wir
waren auf dem Weg nach Kaltresh, als wir von Straßenräubern überfallen
wurden.“ „So,
so. Nach Kaltresh wolltet ihr also. Ich frage mich, was ihr da gesucht
habt. Ohne einen Führer seid ihr da hoffnungslos verloren.“ „Eine
junge Frau hatte sich uns angeschlossen, sie wollte uns den Weg
zeigen.“ Da
überzog ein breites Grinsen das Gesicht des Zwerges. „So,
eine junge Frau? Sie hat nicht zufällig ein Schwert an ihrer Seite und
besonders kunstvolle Tatoos auf ihrem Körper ? Ich glaube, ihre Fähigkeiten
beschränken sich nicht nur auf ihre Meisterschaft im in die Irre führen.“ Der
Zwerg grinste hinterlistig. „Verflucht,
sie hat uns nicht in die Irre geführt, die Straßenräuber...“
Ungeduldig fuchtelte Cymor mit seinen Händen herum und stieß dabei
eine Kiste um, die auf einem Stein neben ihm stand. Der Deckel sprang
auf und zum Vorschein kamen einige kunstvoll gearbeitete Ketten und
glitzernde Steine. Cymor blieb fast die Luft weg, als er die Steine
ererkannte, die ähnlich aussahen wie die, welche der Händler ihm
verkauft hatte. „Woher
willst du wissen, daß sie Euch nicht absichtlich in die Irre geführt
hat?“ Doch
Cymor beachtete seine Worte gar nicht. „Diese
Steine, woher hast du sie?“ „Was
ist das denn für eine Frage? Meinst du, ich würde dir verraten, wo
unsere Edelsteinminen versteckt sind?“ „Edelsteinminen?
Du willst sagen, IHR habt diese Steine...“ „Natürlich,
du hast noch nichts von den vielfältigen Fähigkeiten unserer
Zwergenrasse gehört, wie? Ich könnte dir mit geschlossenen Augen
sagen, wo sich eine verborgene Goldader oder Edelsteinader verbirgt,
wenn ich nur auf hundert Meter herankomme.“ Cymor
riß vor Unglauben die Augen auf. „Davon
habe ich tatsächlich noch niemals etwas gehört. Woher soll ich wissen,
daß du die Wahrheit sagst?“ Der
Zwerg schmunzelte. „Es
gibt eine ganze Menge, die du nicht von uns weißt.“ Cymor
mußte sich langsam eingestehen, daß in diesem Zwerg doch mehr steckte,
als er bisher angenommen hatte. „Wir
könnten dir unsere Steine zu einem besonders guten Preis verkaufen,
denn dafür bist du doch hierhergekommen, oder?“ Cymor
schwieg einen Augenblick vor Verblüffung und hätte sich fast gefragt,
ob der Zwerg nun auch die Gabe des Gedankenlesens besaß. „Hm,
angenommen, du hast recht... so
muß ich erst einmal wieder dahin zurückgelangen, wo ich hergekommen
bin. Außerdem frage ich mich, was aus meinen Männern geworden ist.“ „Um
die mach dir mal keine Sorgen, die haben eine Menge Kratzer abbekommen,
aber ansonsten sind sie unversehrt.“ „Wie bitte?“ „Und
denke nicht, daß ich deine Gedanken lesen kann, denn es gibt jemanden,
von dem ich weiß, warum ihr hierhergekommen seid.“ Cymor
biß sich auf die Zunge. Nur gegenüber der jungen Amazone hatte er eine
kurze Bemerkung fallen gelassen, was sie in diese Gegend verschlagen
hatte. Männer sind in gewissen Situationen äußerst gesprächig. „Du
kennst sie?“ Cymor
schmunzelte. „Ja,
ich kenne sie sogar sehr gut.
Bist du immer noch sicher, daß sie dich nicht absichtlich in die Irre
geführt hat?“ „Was
soll das heißen?“ Der
Zwerg lächelte geheimnisvoll. „Ach
nichts, jetzt schlaf erst mal. Morgen ist auch noch ein Tag.“ Das
war alles, was aus ihm herauszubekommen war. Cymors Gedanken rasten. Er
wälzte sich auf seinem Lager hin und her und versuchte vergeblich,
darauf zu kommen, was der Zwerg eigentlich gemeint hatte. Am
nächsten Morgen waren seine Wunden schon sehr gut verheilt -
offensichtlich waren diese Blätter ein Zaubermittel - auch wenn er
nicht gut geschlafen hatte, da er mehrere Male in der Nacht aufgewacht
war, da eine Ameisenkolonne über seine Beine spaziert waren und der
Zwerg geschnarcht hatte, als wenn er sich in einem Sägewerk befinden würde. Als
sie am nächsten Morgen ein üppiges Frühstück verdrückt hatten,
fragte ihn der Zwerg plötzlich: „Fühlst
du dich stark genug für einen kleinen Spaziergang? Es gibt sicherlich
ein paar Leute, die du gerne wiedersehen möchtest.“ In
diesem Augenblick seiner Erzählung lehnt sich Bardor zurück und sieht
Silvermoon herausfordernd an. „Weißt
du, was jetzt kommt?“ Er
schielt begehrlich zu der nächsten Flasche Wein herüber. Wer
muß nun die Zeche dafür bezahlen? „Hmmm,
ich nehme an, er wird die junge Amazone wiedersehen.“ Bardor
schmunzelt. „Da
hast du recht. Und was noch?“ „Ich
nehme an, die Amazone steckte irgendwie mit diesen Räubern unter einer
Decke.“ Bardor
rieb anerkennend seine Hände gegeneinander. „Da
hast du auch recht.“ „Wahrscheinlich
steckte sie auch mit dem Zwerg unter einer Decke, der Cymor und seinen
Kumpanen irgendwie eine Abreibung verpassen wollte. Wahrscheinlich
hatten die Räuber Cymors Männer gefangengenommen, und sie hatten sie
irgendwo hingebracht, um ihnen ihre feinen Manieren auszutreiben. “ „Da
hast du fast auch recht... Irgendwie steckten sie tatsächlich unter
einer Decke, der Zwerg und die Amazone. Du bist gar nicht schlecht...“
Er
lachte. „Also
der Zwerg führte Cymor tatsächlich zu einem versteckten Waldhaus, wo
seine Männer, denen die „Räuber“ ihre Schwerter abgenommen hatten,
kräftig Holz hacken mußten. Einer von ihnen mußte sogar gerade
Fleisch für den Eintopf schneiden. „Die
Köche in eurer Heimat müssen verdammt schlecht sein. Zum Glück kommt
da Belgor, der wird euch zeigen, was ein richtiger Kaltresher Eintopf
ist,“ brummte der Anführer und spuckte die Suppe wieder aus, die er
gerade herunterschlucken wollte. Es
war seltsam, sich unter solchen Umständen wiederzusehen. Cymors Männern
war es sichtlich unangenehm, daß er sie bei solchen Arbeiten sehen
mußte, die in ihrer Heimat den Frauen vorbehalten waren. Cymor war
inzwischen ins Haus gegangen. „Du
hast deine Wette übrigens verloren, Cymor“, ertönte da plötzlich
eine Stimme hinter ihm. Cymor
drehte sich abrupt um und sein Herz setzte einen Schlag aus, als er die
junge Amazone dort im Türrahmen stehen sah, die in einer Hand ein Brot
und in der anderen Hand einen Krug mit Wasser hielt. „Hier
ist deine Mahlzeit für den nächsten Monat.“ Cymor
sah sie verständnislos an. „Also,
ich schlage vor, du hilfst deinen Männern erst einmal etwas bei ihrer
Arbeit. Nach einem Monat bringen wir euch dann wieder zurück zu der
Straße, auf der wir euch das erste Mal gesehen haben. Wir versprechen
dir, daß wir dir dann unsere Steine zu einem besonders guten Preis
verkaufen, ist das ein Angebot? Du kannst uns auf dem Markt bei Verlath
treffen, der jeden Monat stattfindet, wie du sicherlich weißt. Wir
werden dort immer auf einen Unterhändler von dir warten.“ Sie
schmunzelte: „Und
versuche erst gar nicht, unsere Minen in den Bergen zu finden, es wird
dir nicht gelingen. Das wir manchmal spurlos verschwinden können,
scheint dir ja auch schon aufgefallen zu sein.“ Silvermoon
lacht: „Jetzt
weiß ich, was dann passiert ist: Cymor begann allmählich zu dämmern,
daß es noch eine Fähigkeit von Belgor gab, die er nicht kannte.“ Bardor
grinst: „Genauso
ist es. Wir sind sehr wandlungsfähig,
wir Zwerge, aber Belgor ist es besonders. Cymor
sah ungläubig zu, wie die junge Amazone allmählich ihre Gestalt veränderte,
bis sie zu der kleinen Gestalt des Zwerges zusammengeschrumpft war. „Für
etwas hast du mich doch bezahlt, also wirst du wohl einen Monat von
Wasser und Brot leben müssen.“ Grinsend
schwenkte er den Beutel mit Gold, den Cymor der jungen Amazone nach
ihrem Liebesspiel gegeben hatte.“ Bardor
griff nach der neuen Weinflasche und goß Silvermoon noch etwas Wein in
ihren Becher, nachdem er seinen eigenen Becher erneut randvoll gefüllt
hatte. „Tja,
Cymor hat seine Wette verloren, aber du hast sie wohl gewonnen, meine hübsche
Amazone.“ Mit
diesen Worten legte er eine Goldmünze auf den Tisch, um den Wein zu
bezahlen und ließ seinen Weinbecher gegen Silvermoons klirren, um mit
ihr anzustoßen.
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